Zum Hauptinhalt springen

Die Wolke steht für die Beständigkeit

In «Clouds ­ of Sils Maria» erzählt Olivier Assayas eine intelligente und vielschichtige Geschichte über die Vergänglichkeit.

Im frühen Herbst lässt sich im Engadin ein seltenes Wetterphänomen beobachten. Die «Ma­loja­schlange», eine Nebelschwade, win­det sich durch das Tal und kündigt schlechtes Wetter an. Still und lange unbemerkt schleichen sich auch die Vorboten des Alters und der Veränderung ins Leben der renommierten Schauspielerin Maria Enders (Juli­ette Bi­noche).

Als junge Frau spielte En­ders im Theaterstück «The Ma­loja ­Snake» die Rolle der Sigrid, die eine Affäre mit ihrer Vorgesetzten, der älteren Helena, beginnt und diese schliesslich in den Suizid treibt. Enders’ Karriere fusst auf ihrem Debüt als ver­füh­re­ri­sche Sigrid. Die Figur der ­He­lena hingegen ist für die Schauspie­lerin gleichbedeutend mit dem Altern, der Unfreiheit, der Abhängigkeit – alles, worin sie sich nicht erkennen kann.

Jahrzehnte nach ihrem Erfolg als Sigrid bittet ein bekannter Re­gis­seur Enders, noch einmal im Theaterstück mitzuspielen. Allerdings soll die Schauspielerin diesmal die Rolle der Helena überneh­men. Als Sigrid ist die junge, gefeierte Jo-Ann Ellis (Chloë ­Grace Mo­retz) vorgesehen, die bisher vor allem als Mutantin in einem Blockbuster-Film und mit ihrem Privatleben für Aufsehen sorgte.

Geprobtes Leben

Trotz Bedenken beschliesst Enders, sich auf das Projekt einzulassen. Mit ihrer Assistentin Valentine (Kristen Stewart) zieht sich die Mittvierzigerin nach Sils Maria zurück, an den Entstehungsort des Theaterstücks. In der Abgeschiedenheit des Engadins beginnt Enders mithilfe von Valentine das Stück zu proben und dabei erneut nach über 20 Jahren in das Innenleben der Figu­ren einzutauchen.

Das neuste Werk von Olivier Assayas wurde am diesjährigen Filmfestival in ­Cannes erstmals aufgeführt, ging im Kampf um die Goldene Palme allerdings leer aus. Am Festival del film in Lo­carno, wo der Film ausser Konkurrenz auf der Piazza Grande ­gezeigt wurde, stellten Assayas und seine Hauptdarstellerin den Spielfilm gleich selber vor. Er habe «Clouds of Sils Maria» rund um Ju­liette Bi­noche konstruiert, sie beim Schreiben des Drehbuchs ständig vor Augen gehabt, sagte der Filmemacher in Locarno.

Assayas betreibt ein intelligentes, doppelbödiges Spiel. Der Film stellt die Figuren im Theaterstück in Relation zu den Protagonistinnen Maria, Valentine und Jo-Ann. Auf subtile Weise wird suggeriert, dass Valentine und Maria, wie Sigrid und Helena Untergebene und Vorgesetzte, nicht nur über die Figuren im Theaterstück sprechen, sondern auch über sich selber.

Denn Enders ist längst viel mehr zu Helena geworden, als ihr lieb ist. Schon die ersten Szenen offenbaren, wie sehr ihr Leben von der Anwesenheit ihrer Assistentin Valentine geprägt ist.

Frauen im Licht

Binoche und Stewart sind Idealbesetzungen: Ihr Zusammenspiel überzeugt durchwegs. Stewart, die bisher vorwiegend in Filmen wie «The Twilight Saga» zu sehen war und damit als junge Darstellerin eher an die Figur der Jo-Ann Ellis erinnert, steht keineswegs im Schatten der grossen Binoche.

Assayas hat zumindest Teile der französisch-schweizerisch-deutschen Produktion im Engadin gedreht. Der Figur Maria stellte der Filmer auch das Wetterphänomen über Ma­loja gegenüber. Im Gegensatz zu vielen, sich verändernden Naturspektakeln präsentiere sich die Wolke ihren Zuschauern früher wie heute gleich, erklärte Assayas.

Gerade weil die Wolke im Film ein Symbol für die Beständigkeit ist, fühlt sich Maria, die fürchtet, ihre Jugend und dadurch sich selber zu verlieren, vom Phänomen magisch angezogen.

Annina Hasler, sda

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch