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Die Zukunft: Müll

Der Stadtverbesserer Michael Graf

Der BBC-Europakorrespondent ist ganz aus dem Häuschen: «Vergesst Kohle, Öl, Schiefergas oder Atomkraft!», schreibt er. Er habe gerade die Ener­gie­ der Zukunft gesehen. Und sie heisse Müll. Diesen kippe man in Oslo nämlich nicht einfach in die Deponie, sondern verbrenne ihn, um Wärme und Strom zu gewinnen, schreibt der Inselbewohner ganz begeistert. Diese Erkenntnis haut in Winterthur niemanden aus den Socken. Gut 200 Millionen Franken durfte die Stadt in den Umbau der Kehrichtverwertungsanlage (KVA) investieren. Längst hat sie sich in der öffentlichen Wahrnehmung von der bösen Dreckschleuder zum guten Kraftwerk gewandelt. Jedes Schulkind weiss: Ein voller Güselsack heizt so gut wie 1,7 Liter Öl und die KVA produziert mehr Strom als alle Windräder und Solarpanels der Stadt zusammen. Ja, sie ist so famos, dass im November sogar der «Mattino» aus Neapel über den Winterthurer «termovalizzatore» berichtete – mit Bild und Zitat von Matthias Gfeller. Aus Sicht der müllgeplagten Stadt wirkt Winterthur wie eine Art Disneyland mit der KVA als Märchenschloss. Doch selbst wir Saubermänner haben Dreck am Stecken. Will uns zumindest die neueste Untersuchung des Bundesamts für Umwelt weismachen. Ihre Mitarbeiter durchwühlten unseren Güsel und stellten fest: 15 Prozent davon sind Lebensmittel. Der Aufschrei war absehbar: Verschwendung! Dabei misst eine Kalorie ja den physikalischen Brennwert. Ist es wirklich eine moralische Frage, ob ungarisches Gulasch zweimal brennt oder nur einmal? Der «Stadtverbesserer» sitzt satt vor dem halb vollen Teller. Soll er aus schlechtem Gewissen weiteressen und sich Winterspeck anfressen? Oder die Reste fröhlich in den Müll werfen, wissend, dass er gerade die Ener­gie­form der Zukunft unterstützt? Ein Wohlstandsproblem. Es dürfte sich, angesichts des Zustands der Zeitungsbranche, bald von selbst lösen: Wer kein Geld hat, kann auch nicht zu viel einkaufen. Der «Stadtverbesserer» googelt nach: «Berufe mit Zukunft». Bester Treffer: Recyclist. stadtverbesserer@landbote.ch

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