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Die Zweifel der Brasilianer

Gegen Kamerun hat Brasilien endlich einmal überzeugt. Dennoch bleibt die Skepsis im Land an der eigenen Stärke gross.

Die grün-gelb-blauen Fahnen mit der Aufschrift «Ordem e Progresso» (Ordnung und Fortschritt) wehen heute Samstag wieder. Auf den Balkonen, an den Hauswänden, an den Autos, so wie immer, wenn die Seleção spielt. Und in den U-Bahnen, den Taxis, den Büros und auf den Strassen von Fortaleza bis Porto Alegre laufen ab 13 Uhr wieder die kleinen mobilen TV-Geräte, für all jene, welche die Partie Brasilien gegen Chile nicht mit Freunden zu Hause, in einem Strassencafé oder auf einer Grossleinwand verfolgen.

Starres System

So richtig an die «Hexacampeão», den sechsten WM-Titel, glauben aber in der Bevölkerung noch immer nur wenige. Für viele sind Deutschland und Holland die Kronfavoriten auf den Titel. Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari gibt zu, dass die Mannschaft in der Vorrunde im Vergleich zu ihren Auftritten vor einem Jahr am Confederations Cup, als sie die Bevölkerung begeisterte und souverän zum Titel stürmte, erst bei 80 Prozent ihres Leistungsvermögens gewesen sei. «Aber wir haben uns kontinuierlich gesteigert und werden in der K.-o.-Phase wieder dasselbe Niveau wie damals erreichen», so «Felipão».

In seinem Ensemble wussten bisher nur der vierfache Torschütze Neymar und mit Abstrichen die Innenverteidigung mit David Luiz und Thiago Silva zu überzeugen. Grosse Veränderungen sind trotzdem nicht zu erwarten. Experten rechnen damit, dass im Mittelfeld Fernandinho den bisher schwachen Paulinho ersetzen wird. Ansonsten bleibt Scolari sowohl seiner Stammformation als auch dem Spielsystem treu.

So ehrbar das Vertrauen des Trainers in seine Spieler ist, die fehlende Flexibilität im taktischen Konzept könnte den Brasilianern in der K.-o.-Phase zum Verhängnis werden. Während die Spielweise der gefürchteten Deutschen oder des heutigen Gegners Chile im Angriff von Variationen und vielen Positionswechseln geprägt ist, wirkt die brasilianische Offensive sehr berechenbar. Gegen Kroatien (3:1) und Kamerun (4:1) machte Neymar mit jeweils zwei Toren den Unterschied, als er gegen Mexiko nicht traf, blieb Brasilien ohne Torerfolg.

Wo ist Fred?

Eines der Problemkinder Scolaris ist Mittelstürmer Fred, der noch nicht an seine Auftritte am Confederations Cup 2013 anknüpfen konnte, wo er in fünf Spielen fünfmal traf. Gegen Kroatien holte der Stürmer von Fluminense den umstrittenen Penalty heraus, gegen Kamerun erzielte er zur Erleichterung aller endlich seinen ersten Turniertreffer, ansonsten fiel er aber vor allem durch fehlendes Durchsetzungsvermögen oder Offsides auf. Selten war Brasilien, das herausragende Mittelstürmer wie Pelé, Romario oder Ronaldo hervorgebracht hat, an einer WM auf dieser Position schwächer besetzt.

Schwächen der Verteidiger

Auch das Mittelfeld und die beiden Aussenverteidiger verfügen noch über deutliches Steigerungspotenzial. Die oft ungestüm agierenden Marcelo und Dani Alves tragen mit ihren Vorstössen in den Couloirs zwar viel zum gefälligen Offensivspiel bei, ihre Schwächen in der Defensive konnten die beiden allerdings nicht kaschieren. Vor allem Dani Alves unterlief der eine oder andere grobe Schnitzer, die beiden Gegentore in der Vorrunde fielen jeweils nach Angriffen über die rechte Abwehrseite.

Mit dem Beginn der K.-o.-Phase muss und soll nun alles besser werden. «Ab jetzt können wir uns keine Fehler mehr erlauben», sagte Scolari. Dass der Druck, die Nervosität und die Angst, zu versagen, steige, seien sie sich bewusst. Für Captain Thiago Silva ist die Hoffnung der Fans «eine zusätzliche Motivation». Seit einem Jahr beschäftigt ihn und seine Kollegen die WM täglich, «abzuschalten war fast nicht möglich». Nun sind für ihn und die Seleção die Tage der Entscheidung gekommen. si

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