Flaach

Diese Nachricht wird an die grosse Glocke gehängt

Fast hätte ihr letztes Stündlein geschlagen: Eine historische Glocke sollte vor rund vierzig Jahren eingeschmolzen werden, weil man nichts mit ihr anfangen konnte. Jemand nahm sie mit — und Flaach vergass sie.

Das Gemeindehaus von Flaach war früher die Schule, deshalb wird es von einem Glockenturm gekrönt.

Das Gemeindehaus von Flaach war früher die Schule, deshalb wird es von einem Glockenturm gekrönt. Bild: Madeleine Schoder

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Alle halbe Stunde schlägt die Glocke vom Gemeindehaus Flaach, ein Relikt aus der Zeit, als dieses Gebäude noch das Schulhaus war. Aber was für eine Glocke dort hängt, weiss keiner so genau. Kein Wunder: Ein Ortstermin im Dachstock gibt zwar den Blick auf das elektromechanische Uhrwerk frei — die Glocke hängt jedoch unerreichbar hoch oben im Turm. Ruth Schlüer, ehemals Gemeinderätin und engagierte Chronistin, geht davon aus, dass es sich um die Nachfolgerin einer Glocke aus der Kapelle St. Georg in Oberflaach handelt. Die Pfarrkirche St. Georg, im Volksmund «Jörgen», ist bereits für 1275 bezeugt.

Im Jahr 1827 baute die Gemein­de Flaach ein neues Schul- und Gemeindehaus an die Zehntenscheune, «hell und geräumig und mit einem artigen Thürmchen nebst Uhr und Glocke versehen». So stand es in der Memorabilia Tigurina, der Chronik der «Merckwürdigkeiten» der Stadt und Landschaft Zürich. Steine und Sand dafür wurden aus der Thur genommen, Holz kam von der Gemeinde.

Die Glocke war wichtig, da sie die Dorfbewohner vor Feuer warnen sollte. Weil jedoch mehrfach der Strick zum Läuten riss, brannten immer wieder Häuser ab. Nachbargemeinden hätten den Flaachemern deshalb geraten, anstelle der Hirschschaufel ein Zündholz im Wappen zu tragen, weiss Ruth Schlüer.

Ein Zeitzeuge, der 93-jährige Altregierungsrat Konrad Gisler, habe die Brandglocke als Drittklässler 1934 zum letzten Mal gehört. Später installierte man den Alarm am Werkhaus. Dass die Glocke gesprungen war und schepperte, schrieb auch der Winterthurer Historiker Hans Kläui, als er 1972 von der Kantonalen Denkmalpflege angefragt wurde, wo die mittelalterliche Glocke verblieben sein könnte. Er machte jedoch nicht die Verbindung zu St. Georg. Er vermutete, sie sei eingeschmolzen worden, denn im Gemeindehaus hänge ein Neuguss.

Auf der Webseite der Gemeinde Flaach heisst es, noch heute hänge eine alte Glocke aus der Pfarrkirche von St. Georg in Oberflaach im Turm. Der Autor dieses Geschichtstexts kann auf Anfrage jedoch nicht eruiert werden und so wird ein Fehler auch nicht ausgeschlossen.

Eine Bestandsaufnahme der Kantonalen Denkmalpflege von 1976 dokumentiert eine ehemalige Kapellenglocke, die im Gemeindehausturm gehangen sei, derzeit allerdings «mobil» aufbewahrt werde — im Keller der Turnhalle. Die Fotos zeigen die Glocke auf Holzdielen stehend, «möglicherweise auf dem Turnhallenboden», wie Thomas Müller, Ressortleiter Dokumentation einräumt. Sie sei in den 1950/60er-Jahren herunter genommen worden, weil sie eben schon länger einen Sprung hatte.

Zuletzt hat der ehemalige Abwart des Schulhauses Flaach, Hans Meier, die alte Glocke gesehen und zwar tatsächlich im Turnhallenkeller. Meier lebt heute mit seiner Frau in einer Alterswohnung im Ort. «Die Glocke war immer im Weg», erzählt er, deshalb habe man sie auf einem Rollwagen hin und her geschoben. Das Militär habe häufig in der Turnhalle geschlafen und sein Material ebenfalls im Keller gelagert. «Die Glocke haben sie aber sicher nicht mitgenommen, sie war viel zu schwer.» Bei seinem Nachfolger Thomas Gisler, der seit 1990 als Hauswart im Primarschulhaus Flaach amtet, verliert sich die Spur. Er hat die mittelalterliche Glocke mit dem Sprung nie gesehen. Für das Kantonale Amt für Denkmalpflege hat das Verschwinden der inventarisierten Glocke keine rechtlichen Konsequenzen. Allerdings findet es Ressortleiter Thomas Müller schade, dass diese historische Glocke nicht mehr auffindbar sei.

«Die alte Glocke war im Keller der Turnhalle immer im Weg»Hans Meier, ehem. Abwart

Doch es gibt noch eine letzte Spur, jemanden, der etwas häufiger im Dachstock des Gemeindehauses anzutreffen ist als der Gemeinderat. Denn die heutige Glocke besitzt ein elektromechanisches Uhrwerk, das regelmässig gewartet werden muss, und zwar von der Turmuhrenfabrik Mäder in Andelfingen. Diese stolze Firma gibt es seit 1798, als sie sich an der Turmuhr im Klostergut von Ittingen verewigte. 1927 bekam sie den Auftrag, die Zifferblätter des zürcherischen Wahrzeichens St. Peter zu gestalten. Vor zehn Jahren ging sie in die Rüetschi AG Glockengiesserei und Kirchturmtechnik in Aarau ein. Die Geschichte dieses Unternehmens reicht bis 1367 zurück.

Im dortigen Büro weiss man, dass der Seniorchef Gerhard Spielmann den Überblick über viele Schweizer Glocken hat. Er besitzt Bücher, wo er nachschaut, aber natürlich muss er auch kennen, was er sucht. So ist er das Gedächtnis des alten Handwerksbetriebs. «Wir legen höchsten Wert auf lange Betriebszugehörigkeit unserer Mitarbeiter», heisst es auf der Webseite, «dadurch kennen viele Sigriste und Sakristane unsere Techniker seit Jahren persönlich, und unser Fachpersonal kennt die Eigenheiten der Uhren- und Glockenläuteanlagen in- und auswendig».

So ist es in der Tat, denn schon am Telefon erinnert man sichgleich, dass das Uhrwerk im Flaacher Glockentürmchen bei der Zeitumstellung regelmässig abstürze. Es geht aber um die verschollene mittelalterliche Glocke — über die Herr Spielmann ebenso selbstverständlich Bescheid weiss: Die stehe bei ihm in Aarau. 1958 habe man eine neue Glocke gegossen und montiert, 97 Kilogramm schwer. Der Ton sei ein Fis. Die mittelalterliche Glocke habe er später aus dem Turnhallenkeller abgeholt, das Militär hätte sie sonst noch weiter beschädigt. In Flaach wollte man sie einschmelzen lassen. So einfach ist das.

Zur Reparatur der Glocke würde er der Gemeinde gerne ein Angebot machen, denn es gebe inzwischen neue Techniken. Dafür müsste das Teil in die Niederlande reisen; das sei ein grosser Kostenpunkt, aber wenn es einem die Sache wert sei. Das Munotglöckchen hätte man ebenfalls geschweisst. Ansonsten könnte die gesprungene Glocke auch auf einem Sockel stehen, natürlich drinnen, oder einbetoniert mit Stangen, so dass man sie von Hand anschlagen und läuten könnte. «Ich möchte das gerne noch abschliessen, bevor ich ganz aufhöre», betont der 82-Jährige mehrmals. Ob er wohl eine Offerte bei der Gemeinde einreichen dürfe? (Landbote)

Erstellt: 06.10.2017, 12:09 Uhr

Gerhard Spielmann bewahrt die Flaacher Glocke seit Jahren auf. (Bild: Johanna Bossart)

Nachgefragt

«Wir laden Herrn Spielmann ein»

Eine mittelalterliche Kapellenglocke aus Flaach, die über Jahrzehnte im Turnhallenkeller gelagert wurde, ist verschwunden und vergessen. Was würden Sie tun, wenn sie wieder auftaucht?
Walter Staub: Ich habe diese Geschichte nicht gekannt, daher müsste ich es mir erst einmal überlegen. Es ist sehr interessant; das Glöckchen war in Flaach ein Teil seiner Geschichte. Und es macht neugierig, den zukünftigen Weg dieser Glocke zu wissen...

Die historische Glocke, die auch bei der Kantonalen Denkmalpflege Zürich gelistet ist, befindet sich in Aarau, in der Obhut der H. Rüetschi AG, Glockenguss und Kirchturmtechnik. Es ist dem Glockengiesser Gerhard Spielmann, der die Glocke über Jahrzehnte aufbewahrt hat, ein grosses Anliegen, sie restaurieren zu dürfen.
Es würde mich freuen, wenn wir Herrn Spielmann bei uns im Gemeindehaus in Flaach begrüssen dürften und seine Vorstellungen und Wünsche betreffend der Glocke persönlich besprechen könnten, damit er seinen jahrelangen noch offenen Auftrag abschliessen darf.

Sie sehen also eine Chance, dass die Glocke wieder nach Flaach zurückkehrt?
Ich weiss nicht, wie die Gemeinde reagiert, aber es wäre wirklich schön, wenn man den Glockenklang wieder hören könnte. Oder sie zumindest zeigen und der Bevölkerung den historischen Hintergrund präsentieren könnte — und auch, wie die Glocke auf verschlungenen Wegen wieder nach Flaach gelangt ist. (gsp)

Walter Staub Gemeinde­präsident von Flaach.

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