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«Dieser Macht bleibt ein Monat»

Kiew. Der neue starke Mann der ukrainischen Opposition sieht ein Ende von Präsident Janukowitsch und seiner Regierung als unvermeidlich. Klitschko fordert den Rücktritt von Präsident und Premier und Neuwahlen. Bis dahin bleibe der Majdan besetzt.

Die Ukraine wird nicht zur Ruhe kommen. Die Oppositionsbewegung wird nicht versanden. Die Unzufriedenheit mit dem korrupten System, das das Land immer tiefer in die Krise führt, ist hoch. Auch bei einer Annäherung an die EU müsste das Land durch einen schmerzlichen Anpassungsprozess, wie ihn andere ehemals sozialistische Länder hinter sich haben.

«Dieser Macht bleibt nur ein Monat übrig», sagt der neue starke Mann in Kiew Vitali Klitschko in einem Interview der Tageszeitung «Moskowski Komsomolez». Auf die Frage, welche Ziele sich der Majdan – die Rund-um-die-Uhr-Kundgebung auf dem Kiewer Platz der Unabhängigkeit – setze, antwortet er ohne Zögern: «Rücktritt der Regierung, Rücktritt des illegitimen Präsidenten.» Die Einwände, Präsident Viktor Janukowitsch sei legal gewählt und sein Regierungschef Nikolai Asarow habe das Ansinnen bereits zurückgewiesen, lässt der Boxweltmeister nicht gelten. «Wir werden uns doch durchsetzen», sagt er überzeugt. Das gebe es nicht, dass man sich versammelt, siegt und nach Hause geht. Es dauere nun mal noch eine Weile.

Vor neun Jahren war es anders

Der erste Majdan vor neun Jahren dauerte vier Monate, bevor die Stimmen nach der Wahl neu gezählt wurden und Janukowitschs Sieg widerrufen wurde, zu dem sein russischer Gönner Wladimir Putin ihm bereits gratuliert hatte. Der neue Majdan unterscheidet sich von dem ersten gewaltig. Er kam vor zwei Wochen als spontane Reaktion auf den behördlichen Versuch zustande, die Unruhen brutal niederzuknüppeln. Die Reaktion war so heftig, weil Kiew anders als Moskau, wo die Meuterei gegen den Kreml im Oktober 1993 mit dem Panzerbeschuss des Parlaments endete, noch nie solches Blutvergiessen erlebt hatte. Der revolutionäre Geist der Ukraine ist noch ungebrochen. Der neue Majdan braute sich schon länger zusammen, war aber nicht vorbereitet worden. Es gab keine oppositionelle Koalition. Alle waren dar­auf gefasst, dass es wie 2004 erst bei der Präsidentschaftsneuwahl, also 2015, losgehen würde.

Nun wurde die Entwicklung aber durch Proteste gegen die ausgebliebene Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der EU um ein Jahr vorgezogen. Es verzögert sich alles: Zuerst feiert die Ukraine das europäische Weihnachten im Westen des Landes, dann Neujahr und im Januar das christlich-orthodoxe Fest im Osten. Im März dürfte es so weit sein.

Dann will Janukowitsch das Abkommen mit der EU doch unterschreiben, es wird ihm aber kaum etwas nützen. Regierungschef Asarow hatte Brüssel zehn Milliarden Euro als Preis des nochmaligen Wechsels von Ost nach West angeboten, die EU lehnte ab. Hinzu kommt, dass die Ukraine schon jetzt hohe Verluste durch den Majdan einstecken musste. Sie werden noch höher, wenn die Meuterei weitergeht.

Durchgreifen kann Janukowitsch nur schlecht. Auch droht Washington für diesen Fall mit Sanktionen. Er kann am nächsten Dienstag eine Erklärung zur Zusammenarbeit mit Putins Zollunion unterschreiben und 15 Milliarden Dollar aus Moskau einstreichen – aber dann würde die Opposition rotsehen. Eigentlich wäre die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der EU für Janukowitsch das einzig Wahre gewesen. Dann hätte er die ganze Nation hinter sich gehabt.

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