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Drastik mit Verfremdungseffekt

Inhaltlich gewagt, formal brillant: Urs Odermatts umstrittener Lowest-Budget-Film «Der böse Onkel» ist eine rasante Abfolge von drastischen Bildern, wüsten Worten, bissigen Dialogen und verfremdeten Si­tua­tio­nen.

Ein nackter Lehrer mit Gitarre in der Mädchendusche, Brandopfer, denen die Haut in Fetzen runterhängt, Leute auf dem Klo: Als Zuschauer muss man sich auf einiges gefasst machen. Doch es ist nicht diese Drastik, die dem Film angekreidet wird. Er verherrliche Pädophilie und mache Opfer zu Tätern, hiess es. Ausserdem gestalte er die wahre Geschichte des Kinderschänders Köbi F. und verletze dadurch Persönlichkeitsrechte.

Obwohl der Regisseur es wiederholt abgestritten hat, ist die Nähe zum Möriker Fall unbestreitbar: hier wie dort ein pädophiler Turnlehrer, eine «erst» seit 12 Jahren ortsansässige Whistleblowerin und eine Gemeinde, die ihren Dorfhelden schützt und statt seiner die «fremde» Anklägerin angreift. Dennoch könnte niemand dem Film vorwerfen, er bilde Realität ab: Odermatt bedient sich geradezu meisterhaft des guten alten brechtschen Verfremdungseffekts. Songs, kommentierende Personen, künstlich wirkendes Schauspiel, surreale Settings, das alles sorgt dafür, dass der Zuschauer auf Distanz bleibt und trotz des anhaltenden Bild- und Sprachbombardements Luft hat zum Nachdenken.

Dass der pädophile Turnlehrer (Jörg-Heinrich Benthien) sympathisch wirken würde, lässt sich auch nicht behaupten. Vielmehr leidet der einstige Landesmeister im Turmspringen unter einer fatalen Wahrnehmungsstörung, die wohl die Bewohner des Kaffs mitverschuldet haben. Er, der den Schülerinnen so gern sein baumelndes Gemächt zeigt, glaubt wohl selber, was die Dörfler von ihm sagen: Er sei ein «Prachtkerl», «der einzige Held, den das Dorf je hervorgebracht hat». Bei soviel Selbstverliebtheit verwundert es nicht, dass Armin die normale Teenieschwärmerei seiner Schutzbefohlenen gnadenlos ausbeutet.

Seine Gegenspielerin Trix Brunner (Mirjam Japp), deren Tochter Saskia ihr von Armins Übergriffen erzählt hat, ist auch nicht gerade eine Lichtgestalt: Verbittert und schrill, wie sie Armins Bestrafung fordert, kann sie kaum Unterstützung erwarten. Der Weg des bösen Onkels in den Knast ist schliesslich mit Leichen gepflastert. Fast alle massgeblichen Akteure werden bestraft – auch die unschuldigen Mädchen, die es eigentlich zu schützen galt.

Die Machart von «Der böse Onkel» ist so atemberaubend ungewöhnlich, dass man kaum glauben kann, dass sein Regisseur Schweizer ist. Unfassbar auch, dass sich so ein Werk – 50 Dreh- tage, 67 Schauspieler, 183 Crewmitglieder – mit nur 68 000 Franken realisieren liess. Odermatt und seine Lebensgefährtin Jasmin Morgan, die als Produzentin amtet, handelten mit allen Beteiligten Rückstellung aus, das heisst, statt Gagen und Löhne gibt es Gewinnbeteiligung. Dem Film ist Erfolg zu wünschen. Vielleicht werden ihn nicht Zehntausende sehen, aber viele, die es wagen, werden es ein zweites Mal tun, nur um alle seine Finessen mitzubekommen.

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