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«Du wärst einfach ein Amerikaner»

Fredi M. Murer erzählt in «Liebe & Zufall» von einem glücklich zusammen alt gewordenen Ehepaar. Der Regisseur im Gespräch über Geheimnisse, Zufälle und die Mutter, die sein Leben mitbestimmten.

Wie kamen Sie zum Titel «Liebe & Zufall»? Fredi M. Murer: Es ist der Titel eines Romans, den meine Mutter mit 82 Jahren geschrieben hat: «Liebe & Zufall». Was hat dieser Roman mit Ihrem Film zu tun? Meine Mutter thematisiert in ihrem Roman eine nicht gelebte grosse Liebe, nämlich ihre eigene. Eine ziemlich melodramatische Story mit autobiografischen Bezügen. Das ist auch die Thematik meines Films. Also eine Romanverfilmung? Nein, ihr Roman ist unverfilmbar und diente mir nur als Inspirationsquelle. Meine Mutter ist 1901 geboren. Ihr Roman spielt in den 1920er-, 1930er-Jahren in der Innerschweiz. Ich wollte aber keinen historischen Film drehen und habe die Geschichte in die heutige Zeit und nach Zürich versetzt. Die einzige Reverenz an die Zeit, in welcher der Roman spielt, ist die 1920er-Jahre-Zürichberg-Villa, in der mein älteres Intellektuellenpaar wohnt. Sie haben den Film Ihren Eltern gewidmet? Ja. Ohne sie gäbe es diesen Film nicht und mich wohl auch nicht. Meine Eltern sind für mein Filmpaar sozusagen Modell gestanden. Sie heissen gleich wie meine Eltern: Elise und Paul. Auch haben die beiden Schauspieler – Sibylle Brunner und Werner Rehm – in Wesen und Ausstrahlung und sogar in ihrem Aussehen gewisse Ähnlichkeiten mit meinen Eltern. So sind Sie also tief in die Geschichte Ihrer Mutter eingetaucht? Es gibt im Film tatsächlich einige Szenen, die ich sozusagen 1:1 aus ihrem autobiografischen Roman übernommen habe. Aber die Geschichte, die ich in meinem Film erzähle, ist weitgehend frei erfunden. Es gibt von Tolstoi den berühmten Satz: Wenn du universelle Geschichten erzählen willst, musst du über dein eigenes Dorf erzählen. Ich bin einen Schritt weiter gegangen und erzähle aus meiner eigenen Familiengeschichte. Sie sagen, «Liebe & Zufall» sei Ihr letzter Film. Sagten Sie das nicht auch schon nach «Vitus»? Doch, ich wollte nach meinem reziprok-autobiografischen Märchen über meinen unerfüllten Bubenwunsch, ein Genie zu sein, mit der Filmerei aufhören. Ich wollte nach fast 30 Filmen endlich mal selber die Hauptrolle in meinem Leben spielen, statt immer andern zu Hauptrollen auf der Leinwand zu verhelfen. Was führte zur Gesinnungswandlung? Eben die Lektüre des autobiografischen Romans meiner Mutter. An ihrem 90. Geburtstag überreichte sie ihren Nachkommen fünf dicke Bundesordner mit je 300 bis 400 handbeschriebenen Seiten: vier Romane und ihre Memoiren. Und zu mir sagte sie lachend: Fredel, du solltest endlich mal einen Roman von mir verfilmen, dann würden die Leute wenigstens drauskommen. Sie haben davor davon nichts gewusst? Nein. Sie hat erst nach dem Tod meines Vaters, mit über siebzig, heimlich zu schreiben angefangen. Sie war also, was man eine Spätberufene nennt? Kann man so sagen. Aber meine Mutter war zeit ihres Lebens eine leidenschaftliche Leserin. Sie hatte ein Couturier-Atelier und zu ihrer Kundschaft gehörten unter anderem auch einige illustre Damen, die in den Hotelkästen rund um den Vierwaldstättersee ihre Sommerfrische verbrachten und ihrer Störschneiderin die intimsten Liebes- und Leidensgeschichten anvertrauten. Diese hat meine Mutter damals schriftlich festgehalten und in Schuhschachteln aufbewahrt. Dies war sozusagen der Stoff, aus dem sie später ihre Romane verfertigte. Aber die spannendste Lektüre war für mich ihre Autobiografie, die sie mit «Lebenserinnerungen» überschrieb und die mit dem bezeichnenden Satz beginnt: «Eigentlich habe ich nichts erlebt.» Könnte der Film statt mit «Liebe & Zufall» auch mit «Lügen & Unfälle» überschrieben sein? Das klingt mir zu hart. Ein Geheimnis für sich zu behalten, ist für mich nicht gleichbedeutend mit Lüge. Ich denke, dass in Liebesangelegenheiten mehr Geheimnisse herumgeistern, als man denkt. Wenn ich nur an die vielen «Kuckuckskinder» denke, die angeblich unter uns weilen … Aber Elise lebt doch eine sogenannte «Lebenslüge» und Paul muss «zufällig» Enrique anfahren, damit er ihn kennen lernt. Das Wort Zufall steht nicht umsonst im Titel. Das «Prinzip Zufall» ist sozusagen mein dramaturgischer Kniff, und ich spiele schamlos damit. Die «Lebenslüge» von Elise besteht darin, dass sie ihr ganzes Leben mit einem imaginären Mann lebt, wenn auch nur in ihrer Fantasie. Diese Geschichte kommt ins Rollen, als sie im Tierspital einem unbekannten jungen Arzt begegnet, der ihrer Jugendliebe so ähnlich sieht, dass sie meint, diese stehe höchstpersönlich vor ihr. Sie küsst ihn und fällt dann in Ohnmacht. Das ist übrigens eine Szene, die sich im Leben meiner Mutter 1:1 so abgespielt hat. Was hatte es mit dieser Jugendliebe auf sich? Ihre real existierende erste grosse Liebe wanderte nach Amerika aus und ihr gemeinsamer Plan war, dass sie ihm später folgen würde. Aber meine Grossmutter hat alle erdenklichen Hebel in Bewegung gesetzt, dass ihre Tochter zu Hause geblieben ist. So gesehen verdanke ich meiner intrigierenden Grossmutter eigentlich meine Existenz. Ich habe meiner Mutter später einmal gesagt: Zum Glück bist du deinem ersten Geliebten nicht nachgereist, sonst gäbe es mich jetzt gar nicht. Was hat sie geantwortet? Sie sagte, ohne eine Sekunde zu zögern: «Wieso nicht. Du wärst einfach ein Amerikaner.» Der Gedanke daran, dass ich um ein Haar ein anderer geworden wäre und ein anderes Leben gelebt hätte, hat mich fasziniert. Diese Vorstellung hat mich dazu angestachelt, diesen Film zu machen. Mit «Biografie – ein Spiel» hat Max Frisch ein ganzes Stück zu diesem Thema geschrieben. «Liebe & Zufall» spielt in Zürich, der Innerschweiz und in Texas. Sie haben das erste Mal in Amerika gedreht? Ja. Als echter Heimatfilmer habe ich überhaupt zum ersten Mal im Ausland gedreht. Peter Bichsel hat einmal gesagt, alle Schweizergeschichten enden am Hauptbahnhof Zürich. Dar­um wollte ich in meinem letzten Film unbedingt mal einsteigen und wegfahren. Und wie war es in Amerika? Beeindruckend. In Texas ist der Horizont so weit und der Himmel so hoch, dass nachts die Sterne in einiger Entfernung vor dir auf der Strasse liegen. Ich liebe Edward Hopper, die Stimmungen seiner Bilder. Das Haus, in dem wir gedreht haben, erinnerte mich an ein Hopper-Haus. Die Schlussszene in «Liebe & Zufall» ist eine Hommage an ihn. Sie sind in Ihren Filmen immer auch zeitkritisch. In «Liebe & Zufall» zum Beispiel sprengt ein Architekt ein Haus in die Luft. Wirklich? Ich meinte, er tue das nur in seiner Fantasie. Wenn ich in der Schweiz unterwegs bin, sprenge ich in meiner Fantasie permanent hässliche Häuser in die Luft. Ich habe in meiner vergleichsweise kurzen Lebenszeit miterlebt, wie unsere schöne Landschaft verhäuselt und zubetoniert wird. Ich hatte einmal ein Projekt, in dem ein Architekt all seine Häuser in die Luft sprengt, weil er die Vorstellung unerträglich findet, dass seine Machwerke ihn überleben. Das ist eine kleine Reminiszenz daran. In «Grauzone» wird übrigens auch ein Haus gesprengt. «Liebe & Zufall» ab Morgen im Arthouse Le Paris im Lunchkino und danach im regulären Kinoprogramm.

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