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Durchgestartet

Die jüngste Olympiateilnehmerin in Sotschi kommt aus Winterthur und startet für Deutschland: die 15-jährige Skispringerin Gianina Ernst.

«Ich möchte gerne in die höchste Stufe des Sportes: in den Weltcup oder an die Olympiade.» So liess sich Gianina Ernst am 2. März 2012 im «Landboten» zitieren, in einem Artikel über die städtische Talentklasse in Veltheim. Dass dieser übliche Traum einer jungen Sportlerin so schnell Realität werden würde, hätte niemand gedacht. Auch nicht im Sommer 2013, als Gianina Ernst mit dem Umzug ins Skiinternat von Oberstdorf im Allgäu den wichtigsten Sprung ihrer Karriere machte. «Damals hat sie Sotschi als ‹Wunderziel› genannt», erinnert sich Vater Joachim Ernst. «Wir haben zusammen gelacht.» Doch es sollte sehr schnell gehen, unglaublich schnell. Im März 2013 gab Gianina Ernst ihre Premiere im Continental Cup – für die Schweiz. Im Dezember 2013 debütierte sie im Weltcup, wurde gleich Zweite und ebnete sich ihr Aufgebot ins Olympiateam – von Deutschland. Dazwischen lag die überraschende Wendung im jungen Leben der Gianina Ernst. «Für Deutschland?» Drei Jahre lang war sie mit ihrem Vater als Trainer unterwegs. «Das war schon okay», meint Joachim Ernst. «Aber sie kam immer mit dem Vater, während andere Springerinnen in Teams dort waren. Wir suchten ein anderes Umfeld für sie, eines, in dem sie mit Frauen trainieren konnte.» Im Schweizer Skiverband seien keine entsprechenden Strukturen und Gefässe ersichtlich gewesen. Im Frühjahr 2013 bestand Gianina Ernst, Mitglied des SC Einsiedeln, die Aufnahmeprüfung ans Skigymnasium in Stams (Ö) mit der besten Note, allerdings wurde ihr eine Österreicherin vorgezogen. Nach dieser Enttäuschung erkundigte sich Joachim Ernst beim Skiinternat Oberstdorf, ob es eine Lösung gebe. Eine halbe Stunde später rief Andreas Bauer, der Bundestrainer der Skispringerinnen, zurück. Der meinte, sie hätte anhand ihrer Resultate einen Platz im deutschen C-Kader und damit Anspruch auf einen Internatsplatz. Die Bedingung aber: Sie musste für Deutschland springen … Und sie hatte sich schnell zu entscheiden, weil Bauer die Kaderlisten einreichen musste. «Willst du für Deutschland starten?», habe der Vater die Tochter gefragt, als sie aus der Veltheimer Talentschule («wo sie zwei Jahre lang sehr gut aufgehoben war») nach Hause kam. «Kein Problem, machen wir», habe sie geantwortet. «Hätte ich zwei Tage später in Oberstdorf angerufen, wäre es nicht mehr möglich gewesen», erinnert sich Joachim Ernst. Bei ihrer sportlichen Entwicklung spielte auch ein anderer Zufall eine grosse Rolle: Sie ist am 31. Dezember 1998 geboren. Wäre sie nur vier Stunden später (am 1. Januar 1999) auf die Welt gekommen, dürfte sie in der laufenden Saison weder im Weltcup noch an Olympia antreten. Startberechtigt sind nur Sportler ab Jahrgang 1998. Skispringer und Langläuferin Der Verbandswechsel ging, weil sie den Schweizer und den deutschen Pass besitzt. Ihr Vater war deutscher Meister im Skispringen, nahm Anfang der Achtzigerjahren an der Vierschanzentournee teil und wurde 1982 WM-Elfter. Ihre Mutter Cornelia Thomas sowie Evi Kratzer traten 1980 in Lake Placid als erste Schweizer Langläuferinnen an Olympia an. 1982 an der WM in Oslo lernte sie Joachim Ernst kennen. Gianina ist das jüngste von sechs Kindern, 24-jährig ist die älteste Schwester, der einzige Bruder, Benjamin, springt – für Swiss-Ski – ebenfalls über die Schanzen. Zwei Schwestern sind als Jodlerinnen unterwegs. Auch Gianina jodle gern, erzählt Joachim Ernst. «Wir sind ein fröhliches Haus, in dem viel gesungen wird.» Aufgewachsen sind die sechs Kinder im Oberengadin, in der Heimat der Mutter. Im September 2010 übernahm Joachim Ernst als Pächter das Sternenberger «Sunnebad». Nur sieben Monate später stieg er aus dem Hotel- und Restaurantprojekt aus. Die Familie liess sich in Seen nieder. Der Vater arbeitet als Leiter Werbung eines Versandhauses, die Mutter in einer lokalen Kindertagesstätte. «Es gefällt uns sehr hier. Winterthurer ist eine tolle Stadt, alles mit dem Velo erreichbar», schwärmt Joachim Ernst. Und nicht zuletzt: «Winterthur liegt verkehrstechnisch sehr günstig.» Das spielte in der Karriere der jüngsten Tochter keine unwesentliche Rolle. «Von hier aus fuhren wir nach Einsiedeln, Hinterzarten oder Seefeld. In St. Moritz hätte es nur die 60-m-Schanze.» Seit letztem März springt sie auch über 90- und 100-m-Bakken. «Fröhlich drauflos» «Sie kann gut fliegen», beschreibt Joachim Ernst. Was die Athletik angeht, steht sie wegen ihres Alters erst am Anfang. Seit September wohnt sie im Ski­internat und besucht das Gymnasium. Dass der Schritt richtig war, zeigte sich sofort. «Alles war neu für sie. Sie ging fröhlich drauflos, ist gesprungen und hat trainiert», betont Joachim Ernst. «Und sie ist durchgestartet.» Im Sommer begann sie im C-Kader, im Herbst stieg sie ins A-Kader auf. «Das Nachwuchskader hat sie im Vorbeiflug gemacht.» Am Weltcupauftakt am 7. Dezember in Lillehammer, bei ihrer Premiere in der höchsten Liga. landete sie, mit Sprüngen über 96,5 und 97 m, sensationell auf Rang 2. Dort bestach sie mit ihrer Unbekümmertheit. «Skispringen ist mein Job. Ich mache das, seit ich fünf Jahre alt bin», sagte sie an der Pressekonferenz. Mit Platz 7 kurz vor Weihnachten am Weltcup in Hinterzarten sicherte sie sich das Ticket nach Sotschi. Sie ist, nach aktuellem Stand, die jüngste Olympiateilnehmerin. Und eine andere Winterthurerin, die Eishockeyanerin Alina Müller (15), ist die Jüngste im Schweizer Olympiateam … Nach ihrem Durchbruch im Weltcup habe sich Gianina Ernsts Leben nicht geändert. Ausser dass sie 80 Anfragen von Leuten auf Facebook hatte, die ihre Freunde werden wollten. Die 2100 Franken, die sie in Lillehammer gewann, liegen auf einem Sparkonto in der Schweiz. Der Bundestrainer ist begeistert vom 15-jährigen Talent, der Dritten der deutschen Meisterschaft. «Sie ist unbekümmert, fleissig, zielstrebig, willensstark, pfiffig und nicht auf den Mund gefallen», beschreibt An­dreas Bauer. «Ich bin nach Oberstdorf gekommen, um eine gute Skispringerin zu werden», hatte sie ihrem neuen Trainer bei den ersten gemeinsamen Übungseinheiten im Sommer gesagt. Dass sie inzwischen mit den Weltbesten mithalten kann, liege auch an den professionellen Strukturen, die der deutsche Skiverband geschaffen habe, nachdem Frauenskispringen 2011 olympisch geworden war, sagt Bauer. Familienfest vor dem Fernseher Mit dem 9. Platz letzte Woche an der Junioren-WM in Italien – kurz nach der Rückkehr vom Weltcup in Japan – konnte sie nicht ganz zufrieden sein. Übers Wochenende schaltete sie zwei Trainingstage in Oberstdorf ein. «Am Sonntag hat sie wieder tolle Sprünge gezeigt», freut sich Joachim Ernst. Gestern Montag besammelte sich das deutsche Sprungteam in Oberstdorf, am Mittwoch geht die olympische Reise via Frankfurt los. Am 11. Februar ist der Wettkampf auf der Normalschanze. Die Familie wird sich die Sprünge nicht in Sotschi, sondern in den Skiferien vor dem Fernseher im Engadin ansehen. «Wir machen ein Familienfest, laden Freunde ein und schauen gemeinsam Skispringen», lächelt Joachim Ernst. Grosse Gedanken über ihren Auftritt in Russland macht sich Gianina Ernst nicht. «Ich werde entspannt in den Wettkampf gehen und mein Bestes geben», sagt sie. Sie möchte Erfahrungen sammeln sowie «die Spiele und die Atmosphäre geniessen». Wenn es mit einer guten Platzierung nicht klappe, sei das kein Beinbruch. «Ich kann ja noch an so vielen Olympischen Spielen starten.»

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