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Ecopop-Präsident: Aus dem Mittelmassdirekt ins Scheinwerferlicht

Das Bevölkerungswachstum stabilisieren zur «Sicherung der natürlichen Lebensgrundlage» – und zwar weltweit: Das ist das erklärte Ziel der Ecopop-Initiative und ihres Präsidenten André Welti. Dass er deswegen ausgegrenzt wird, ist ihm bewusst.

Der Auftritt war für ihn durchaus zufriedenstellend: Ohne Manuskript und mit klarer Stimme redet er dem Publikum ins Gewissen, hebt zwischendurch warnend den Zeigefinger, lässt auch Humor einfliessen – allerdings ohne dabei seinen eigenen, leicht verbissenen Gesichtsausdruck zu ändern. Das Thema ist ihm zu wichtig, um den Zuhörern burschikose Lacher zu entlocken. André Welti, grauer Pulli, schwarze Jeans, ist an diesem Samstag von Zürich nach Thun gereist, um vor der Berner SP-Kantonalpartei über die Frage zu referieren: «Welche Agglomeration wollen wir?» Dazu hatte zuvor Städtewanderer Benedikt Loderer die Genossen in einer launischen Rede unterhalten.

Kein Wort zur Initiative

Welti bleibt ernst, er kritisiert die in den 1950er-Jahren noch vermeidbare Zersiedelung der Schweiz und bedauert: «Wir wären damals aus der unseligen Verhäuselung herausgekommen.» Um heute den «Siedlungsbrei» einzudämmen, so seine Botschaft, seien dringend Gemeindefusionen nötig. Zur Ecopop-Initiative verliert der Präsident des Ökovereins in Thun kein Wort. Wenn sich SP-Ständerat Hans Stöckli nicht gemeldet hätte und die Initiative als falsche Antwort auf richtige Fragen kritisiert hätte, wäre Ecopop schlicht unerwähnt geblieben. Während Stöckli offenen Szenenapplaus erhält, bleibt André Welti eine kämpferische Replik schuldig – und macht sich nach seinem Auftritt umgehend auf den Weg zurück nach Zürich. Dort, in einem schlichten Zweckbau im Binz-Quartier, hat Welti sein Büro: Pro Natura, Sektion Zürich. Er war es, der diese Sektion vor fast 30 Jahren aufgebaut hatte, er war ihr erster professioneller Geschäftsführer, bevor er 2003 kürzertrat und seither nur noch als Sachbearbeiter für den Naturschutz einsteht. Eng ist es hier in diesem bescheidenen Raum mit den drei Arbeitsplätzen und den vielen Dossiers.

«Wie beim Hausierer»

Dabei gehört das ganze Gebäude Pro Natura: Die höchst willkommenen Mietzinseinnahmen von verwandten NGOs wie den Ornithologen machen den fehlenden Komfort wett. Denn, so Welti, «Geld auftreiben bleibt ein ewiges Thema im Naturschutz – wie beim Hausierer, der eine neue Schuhbürste verkaufen will.» Dabei ist Pro Natura Zürich die klar reichste aller Sektionen. Für Organisationen wie Natur-, Umwelt-, Tierschutz gelte generell, weiss Welti: «Das sind städtische Bewegungen. Die finden im Schangnau zuhinterst im Emmental wenig Echo.» Ob dort die Ecopop-Initiative viele Anhänger findet, ist zumindest fraglich. Das Anliegen, die Bevölkerung in der Schweiz um jährlich nicht mehr als 0,2 Prozent anwachsen zu lassen, braucht noch viel Überzeugungsarbeit. Und die zweite Forderung, mindestens 10 Prozent der Entwicklungshilfe für die weltweite Familienplanung einzusetzen, stösst in ländlichen, eher kinderreichen Regionen eh auf wenig Verständnis.

Aus der Schweiz gesteuert

Damit solle ein Signal ausgesandt werden, rechtfertigt sich Welti: «Die Welt ist uns nicht egal. Das Problem des übermässigen Ressourcenverbrauchs hört nicht an der Grenze auf.» Dass eine aus der Schweiz gesteuerte Familienplanung etwa in Schwarzafrika nach einem heute überholten Kolonialherrenstil riecht, streitet André Welti gar nicht ab: «Die ganze Entwicklungshilfe ist doch Kolonialstil. Ob wir nun einen Brunnen bauen oder die Pille verteilen: Wir bringen immer unsere Denkweise ein.»

Heisses Eisen

Kein Verständnis hat Welti, wenn die Ecopop-Initiative als ausländerfeindlich kritisiert wird. Zwar reiht sie sich in die Überfremdungsinitiativen à la James Schwarzenbach in den 70er-Jahren ein. Und der damalige Mitstreiter und spätere NA-Chef Valentin Oehen war Gründungsmitglied und bis 1979 Vizepräsident der Ecopop-Vorgängerin «Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Bevölkerungsfragen». Doch Welti distanziert sich: «Das Thema Bevölkerungspolitik ist durch die diversen Ausländerinitiativen total verkorkst worden.» Heute scheue man sich, das heisse Eisen anzupacken. Da es nicht darum gehen könne, wie in China die Geburtenrate zu beeinflussen sei und schon gar nicht die Sterberate, bleibe als Steuerungsinstrument nur die Wanderungsbewegung. Und da der Schweizer Pass ein Recht auf Ein- und Auswanderung garantiere, bleibe zur Wachstumsbegrenzung eben einzig die Einwanderung. «Das hat nichts mit Ausländerfeindlichkeit zu tun, sondern allein mit der beschränkten Handlungsmöglichkeit.»

Überall Mittelmass

Dass solche Überlegungen nicht für jedermann nachvollziehbar sind, ist sich Welti sehr wohl bewusst. Die Konsequenz: Er und seine wenigen Mitstreiter müssen sich stark ins Zeug legen, um Ecopop zu erklären. Bleibt zu ergründen, woher André Welti die Energie dafür aufbringt. Er sei «hundsgewöhnliches Mittelmass gewesen», beschreibt er seine Jugend in Kilchberg, «ein mittelmässiger Schüler, mittelmässig fleissig, mittelmässig begabt, mittelmässig zuverlässig». Einzig wilde und riskante Schlauchbootfahrten auf dem Vorderrhein, zusammen mit seinem Bruder und angeregt von einem «unerschrockenen» Vater, sind ihm als aussergewöhnliche Taten bis heute in Erinnerung geblieben. Seine Vorliebe fürs Arbeiten an frischer Luft, in der Natur und mit Tieren brachte ihn dazu, die Lehre als Landwirt zu machen; doch die «Chrampfer-Mentalität» im Bauerndasein schreckte ihn ab, weshalb er etliche Jahre lang «etwas ziellos» herumjobbte. Bis er schliesslich über den Vorstand des damaligen Naturschutzvereins die Stelle des ersten Zürcher Geschäftsführers übernahm.

Pensionierung im Herbst

Und sich weiter in einem öffentlichen Gremium engagierte. Von 2002 bis dieses Frühjahr sass Welti, der auch ein «Nullwachstum» der Wirtschaft sehr wohl «begrüssen» würde, als Parteiloser im Gemeinderat seines Heimat- und Wohnorts Kilchberg. Jetzt hat er auch dieses Amt an den Nagel gehängt, er bereitet sich auf seine Pensionierung im Herbst vor, um dann vollends auf Freiwilligenarbeit bei Pro Senectute und Pro Natura zu setzen. Und seine beiden Leidenschaften auszuleben: klassische Musik mit Tschaikowsky, Bruckner, Mahler und die Malerei der Vorimpressionisten mit Corot, Millet, Menn. Rund hundert Werke dieser wenig bekannten Epoche befinden sich in seinem Privatbesitz. Noch wird er wenig Zeit haben, seine Sammlung zu geniessen. Heute kommt die Ecopop-Initiative in den Nationalrat. Und im November dürfte dann die Volksabstimmung stattfinden. Welti ist sich der Erfolgsaussichten bewusst: «Wir sind Aussenseiter.» Eine Abstimmungsniederlage will er deswegen aber keineswegs voraussagen.

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