Zum Hauptinhalt springen

Effretiker Wohntürme mit kleinen Wohnungen

Ein hochgestellter Quader ist die Urform des Turms, sei es ein Festungsturm oder ein Siloturm. Als Behausung wurde ein solcher Turm selten gebaut. Meist waren seine einzigen Bewohner Schwalben oder Tauben. Erst im 20. Jahrhundert wurde daraus der Wohnturm. Die neue Stahlbetontechnik und die Elektrizität zur Betreibung des Aufzugs erlaubten es; der hohe Siedlungsdruck und das Bedürfnis nach Sonne und Luft verlangten es. Selbst in der Region um Winterthur.

Im März 1969 zieht das Ehepaar Wenger mit dem gerade erst drei Wochen alten Marin in den neunten Stock eines Hochhauses. Es ist der mittlere der drei Wohntürme im Effretiker Quartier Wattbuck. Die junge Familie hat nur eine 2½-Zimmer-Wohnung gefunden. Für den Anfang muss der Platz reichen. Es fehlt auch Ende der 60er-Jahre an bezahlbaren Wohnungen für Familien. Deswegen brummen die Bagger überall in den Zürcher Agglomerationen. Kräne und Betonmischer drehen sich. Rufe in allen Sprachen Südeuropas schallen von den Gerüsten.

Effretikon ist Spitzenreiter im Wohnungsbau. Im Jahr 1969 werden hier 479 Wohnungen erstellt. Weitere 493 stehen im Bau. Dabei war der Ort ursprünglich nur ein Weiler in der Gemeinde Illnau. Im 19. Jahrhundert entstand in der Nähe ein kleiner Bahnknotenpunkt. Industrie siedelte sich kaum an. Effretikon blieb ein Bauerndörfchen. Erst zwischen den Weltkriegen siedelten sich die ersten Bahnpendler an, vor allem in Einfamilienhäusern. Dann, ab 1950, wuchs Effretikon plötzlich explosionsartig. Die Bevölkerung verfünffachte sich binnen zwanzig Jahren! Effretikon überflügelte Illnau, den alten Hauptort der Gemeinde, um ein Mehrfaches. In den frühen 70er-Jahren zählte Illnau-Effretikon gegen 15 000 Einwohner.

Otto Frey war damals in Illnau-Effretikon Bauvorsteher. Zuvor hatte er als Mitarbeiter des Ingenieurbüros Hickel und Werffeli den Quartierplan Wattbuck entworfen: «Dar­auf bin ich heute noch stolz», sagt er. In einer Schlaufe zieht eine Hauptachse durch die Siedlung. Stichstrassen gehen von ihr ab. Mit einem Minimum an Strassen und somit öffentlichen Geldern wird ein Maximum an Siedlungsfläche erschlossen. Ein Grossteil davon bleibt grün. Man baut in die Höhe, bis zu dreizehn Geschosse. «Das war der Trend damals», erklärt Otto Frey. Weil die Türme für Familien als ungeeignet gelten, enthalten sie nur kleine Wohnungen.

Die inzwischen auf vier Köpfe angewachsene Familie Wenger bleibt in der 2½-Zimmer-Wohnung im Hochhaus. Der Umzug in ein eigenes Haus verzögert sich. Papa Wenger, Architekt von Beruf, richtet daher die Mietwohnung im Stil der Zeit behaglich ein: Sisalteppiche und kräftige dunkle Farben an den Wänden, viel Holz, Spots und ein Steingarten auf dem Balkon. Dem Hausverwalter stehen die Haare zu Berge. Später mieten Wengers eine 2½-Zimmer-Wohnung dazu, für die heranwachsenden Buben. Das Familienglück im 8. und 9. Stock ist vollkommen – nur dass die Wohnung der Söhne zum Jugendtreffpunkt wird.

Otto Frey berichtet weiter: «Dann kam die grosse Wende!» Wachstum null, diesen Grundsatz legt eine Gemeindeversammlung 1973 für Illnau-Effretikon fest. Es ist aus und amen mit Bauen und Bevölkerungszuwachs. Die Expansion soll bitte erst einmal verdaut werden. In der Tat stagniert die Bevölkerung der Gemeinde über Jahrzehnte. Heute, vierzig Jahre später, gehören die Türme im Wattquartier längst zum vertrauten Stadtbild. Ob Effretikon nun zu neuem Wachstum aufbricht, entscheidet sich im Sommer 2015. Dann stimmt die Stadt über die neue Zen­trumsüberbauung Mittim ab.

Derweil blickt Edwin Wenger von seinem Haus hinüber zu den Wohntürmen im Wattbuck. Sie glänzen in der Abendsonne: «Es war eine gute und prägende Zeit im Hochhaus.» Christian Felix

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch