Zum Hauptinhalt springen

Ehrfurcht vor den Wundern der Natur

Der Naturforscher, Miniatur­maler und Kupferstecher August Johann Rösel von Rosenhof (1705–1759) war ein Wegbereiter der Insektenkunde. Er schuf aber auch den Prachtband «Die natürliche Historie der Frösche hiesigen Landes» (1758). Eine Begegnung in der Studienbibliothek.

Schon im Februar konnte man in diesem Winter, der keiner war, die ersten Krötenpärchen sehen, die eifrig bei der Sache waren. Inzwischen sind immer mehr Frösche, Kröten und andere Amphibien von ihren Winterverstecken zu den Laichgebieten aufgebrochen. Viele bleiben dabei auf der Strecke – da nützt es auch nichts, wenn die Autofahrer sie vorsichtig «zwischen die Räder» nehmen: Wie man auf www.froschnetz.ch nachlesen kann, können die empfindlichen Innereien von Fröschen und Kröten bereits bei einer Geschwindigkeit von 30 km/h durch die Druckwelle platzen. Ein qualvoller Tod ist die Folge. Schönheit und Genauigkeit Auf der Strecke geblieben ist auch so mancher Frosch, so manche Kröte, die August Johann Rösel von Rosenhof (* 30. März 1705 bei Arnstadt; † 27. März 1759 in Nürnberg) vor mehr als 250 Jahren zur Beobachtung mit nach Hause genommen hat. Einige waren der Beobachtung ausserhalb ihrer natürlichen Umgebung schlicht nicht gewachsen, andere landeten als Opfer im Dienst der Wissenschaft auf dem Seziertisch dieses Mannes, dessen genauem Blick nichts entging. So auch der Frosch, der diesmal das Original des Monats verkörpert, wie man ihm seit November 2013 in der Studienbibliothek begegnen kann. Der ist nun zwar schon lange tot, er wurde jedoch, in Kupfer gestochen und von Hand koloriert, exemplarisch für die Nachwelt verewigt. Das Bild des sezierten Tieres entstammt einem grossformatigen, aber nicht allzu dicken Folianten, «der als das schönste aller Bücher über Frösche gilt, nach dem Generationen von Naturwissenschaftern ihre Abbildungen kopierten» (zitiert auf www.zvab.com). Und darin darf der sorgfältige, vor Ort mit weissen Baumwollhandschuhen ver­sehene Besucher der Studienbibliothek einfach blättern. Da liegt der Frosch und gibt seine organische Innenwelt preis. Seine Gliedmassen sind mit Schnüren an kleinen Holzpflöcken festgezurrt, die ausein­andergespreizte Haut wird von Stecknadeln gehalten: Das alles ist plastisch gestaltet. Und nicht zuletzt dank des Schattenwurfs erscheint die Seziersi­tua­tion, die von Ferne an eine Folterszene erinnert, sehr realistisch. Es ist diese Kombination von Schönheit und Genauigkeit, die einen auch heute noch zu begeistern vermag. Wer nicht gerade Biologe ist, hält sich wohl mehr noch an andere Abbildungen in diesem 1758 veröffentlichten Prachtbuch, auf denen die Tiere noch lebendig sind. August Johann Rösel zeigt sie in ihren verschiedenen Lebensstadien, vom Ei über die Kaulquappe zum erwachsenen Tier; er zeigt sie im «Alltag», mit ein bisschen Natur drumher­um; und er zeigt sie, geht es ihm in seinem Froschbuch doch «sonderlich» um «ihre Fortpflanzung», als sich umklammernde Pärchen und beim Ablaichen. Alles aus eigener Anschauung 24 Doppeltafeln sind es insgesamt: eine farbige, wunderschön handkolorierte Schautafel wird je von einer herausklappbaren identischen Tafel in Schwarz-Weiss begleitet, auf der gewisse Details mit Buchstaben gekennzeichnet sind – sodass der Leser des Textteils sich auf der entsprechenden Tafel orientieren kann. Sieben «Abschnitte» verzeichnet der 115-seitige, zweisprachige Textteil. Rechts steht der deutsche Text, in der linken Spalte die lateinische Fassung und geht so vom «braunen Grasfrosch» über den «grünen Wasserfrosch» und die «Feuerkröte» bis zur «stinkenden Landkröte». Mag sein, dass nicht alles im Text des Rösel von Rosenhof einer wissenschaftlichen Überprüfung standhält. Was ihn aber – neben dem Aufräumen mit damals noch immer geglaubten Mythen, etwa, dass Frösche «nur bloss aus dem Schlamm» wachsen könnten – besonders auszeichnet, ist seine Authentizität. Alles beruht auf eigener Anschauung und Erfahrung. Rösel gibt keine gelehrten Meinungen weiter und «meint» selbst auch nicht. Der grosse Universalgelehrte Albrecht von Haller, der die Vorrede zu Rösels Werk «Die natürliche Historie der Frösche hiesigen Landes» geschrieben hat, betont denn auch, dass Rösel nicht «Meinungen von den Sachen», sondern «die Sachen selbst» darstelle. Rösels naturwissenschaftliche Bemühungen seien einzig von der «Liebe zur Wahrheit» angetrieben: Durch seine Kunst habe er sich selbst geadelt. Aus heutiger Sicht scheint es schier unbegreiflich, wie jemand in vorfotografischer Zeit, nur mit dem Auge und Stift und Feder bewaffnet, das Beobachtete so genau zur Anschauung bringen konnte. Rösel, ausgebildeter Maler, Miniaturmaler und Kupferstecher und von Maria Sibylla Merian inspiriert, bemerkt im Zusammenhang mit der Paarung von Frosch- und Kröten-«Männlein» und «-Weiblein» selbst einmal: «…alles dieses aber geschieht viel geschwinder, als es zu beschreiben ist.» «Insecten-Belustigung» Wer die Gelegenheit nützen und das Werk über die Frösche in der Studiensammlung betrachten möchte, dem sei unbedingt empfohlen, das Buch auch ganz vorne aufzuschlagen. Nicht des schönen, ausführlichen Titelblattes wegen, sondern wegen des Blattes auf der linken Seite: Das Frontispiz mit seinem grünumstandenen Teich, den Dornenrosen, Frosch und Kröte, Feuersalamander und mehr gehört zu den schönsten seiner Zeit. Und gleich mehrfach kommt in ihm Rösels grosse Ehrfurcht vor den Wundern der Natur zum Ausdruck. Ein weiteres Werk, dem der Naturforscher August Johann Rösel von Rosenhof wohl noch grösseren Ruhm verdankt, lässt sich ebenfalls in der Studienbibliothek bestaunen. Es handelt sich um die mehrbändige «Insecten- Belustigung» (ab 1740), welcher Rösel seinen Ruf als Wegbereiter der modernen Insektenforschung verdankt. Auch hier ist er von einer unübertroffenen Schönheit und Genauigkeit, und man kann sich an all den Tag- und Nachtvögeln (gemeint sind Schmetterlinge), an Fliege, Maulwurfsgrille oder Laubheuschrecke nicht sattsehen. August Johann Rösel von Rosenhof: Die natürliche Historie der Frösche hiesigen Landes, worinnen alle Eigenschaften derselben, sonderlich aber ihre Fortpflanzung, umständlich beschrieben werden. Vorrede von Albrecht von Haller. Reich illustriert mit Kupferstichen, davon 24 farbig. Joseph Fleischmann, Nürnberg 1758. Der Wikipedia-Artikel zu August Johann Rösel von Rosenhof führt mit direktem Link zur vollständigen Onlineversion des Froschbuches. Und zur «Insecten-Belustigung» geht es über http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/roesel.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch