Zum Hauptinhalt springen

Ein Abschied auf dem Höhepunkt

Der Gallardo ist tot, es lebe der Gallardo: ein launiger Nachruf und ein letzter Test eines Lamborghini Gallardo Squadra Corsa.

Schöne Worte wurden gefunden für den Gallardo, etwa von einem Kollegen im Schweizer Online-Magazin Radical-mag.com: «Es geht um Musik, eine kurze, vielleicht fünf Sekunden währende Momentaufnahme, um Rolling Stones meets AC/DC, um einen schlecht gelaunten Mick Jagger, der zusammen mit einem noch schlechter gelaunten Angus Young eine Art Urschrei des Heavy Metal produzieren will. Morgens nämlich, wenn der Lambo-Motor noch völlig kalt ist, über Nacht in sich selber ruhen durfte, um dann mit einer kurzen Drehung des Zündschlüssels zum ersten Mal wieder zum Leben zu erwachen, genau dann und nur dann, kreischen die Trompeten von Jericho.» Ja, dieser Zehnzylinder, eigentlich eine Fehlkonstruktion, zu teuer in der Produktion, zu schwer, anfangs auch anfällig, doch er machte über die Jahre Karriere, bescherte auch ein paar RS-Modellen von Audi ihre besten Momente.

Zeit seines Lebens kämpfte der Gallardo eigentlich auf verlorenem Posten. Er war zwar schnell, aber halt nie schneller als vergleichbare Ferrari. Und dann war da das Problem mit dem Image. In markigen Worten wurde das schon mal so beschrieben: «Natürlich hat so ein Lamborghini auch immer etwas Halbstarkes. So Typus: Lederjacke mit Fransen. Oder eher sogar etwas: Zuhälterhaftes, Sie wissen schon, das Hemd mindestens zwei Knöpfe zu weit offen für diese offensive Menge an Körperbehaarung, die Hose nicht nur am Knöchel zu eng, die dicke Goldkette am fitness-studio-gestählten Arm. Zu laut – vorlaut?– ist so ein Lambo, zu penetrant, zu aufdringlich, fast so ein bisschen: notgeil. Lamborghini-Fahrer werden oft als Lotto-Gewinnler wahrgenommen, oder Midlife-Crisis-Verlierer, oder haben sonst einen nicht nur seriösen Beruf. Es braucht einen ganzen Berg an Selbstvertrauen, um sich gegen solche Klischees behaupten zu können.» Jetzt geht er von uns, der Gallardo – und wir werden ihn vermissen.

Man muss sich der Bedeutung des Gallardo für Lamborghini bewusst sein. In den ersten vier Jahrzehnten des Bestehens der Marke wurden im Schnitt etwa 250 Fahrzeuge jährlich gebaut. Vom Gallardo entstanden seit seiner Vorstellung auf dem Genfer Autosalon im Jahre 2003 stolze 14?022 Exemplare. Gut, man könnte nun sagen, der Gallardo habe das Erbe von Miura, Countach & Co. verwässert, aber ohne den Zehnzylinder und die Hilfe von Audi würde es Lamborghini heute wohl nicht mehr geben. Anders ausgedrückt: rund 30?000 Autos baute man in Sant‘Agata in den vergangenen 50 Jahren, fast jedes zweite war ein Gallardo.

Insgesamt 32 verschiedene Varianten wurden auf den Markt gebracht, zum Ende seiner Karriere gab es fast mehr Versionen als Kunden. Doch über die Jahre wurde er immer schärfer, das schärfste Teil am Ende der Karriere war schliesslich der Squadra Corse, 1340 Kilo leicht, 570 PS stark, in 3,4 Sekunden von 0 auf 100 Stundenkilometer. Das richtige Fahrzeug, um noch einmal eine letzte Ausfahrt zu unternehmen mit einem Gallardo. Ganz einfach: nie war der Gallardo besser.

Ja, da ist noch immer dieses eigenartige automatisierte Getriebe, bei jedem Gangwechsel nicken die Insassen. Aber die Schaltzeiten wurden über die Jahre derart verkürzt, dass keine Nackenschmerzen mehr auftreten nach einer Ausfahrt. Sehr, sehr, sehr laut ist er, der Gallardo als Squadra Corsa – und sehr, sehr schnell, in der Schweiz quasi unfahrbar, der Pilot blickt das Gaspedal nur an, und schon ist er schneller als erlaubt.

Das Fahrwerk hat keinerlei Probleme mit dieser schieren Kraft, auch die Bremsen sind immer auf der Höhe ihrer Aufgabe. Was aber am erfreulichsten ist am Squadra Corsa: die Verarbeitung des nicht ganz so günstigen Italieners ist auf einem Niveau angelangt, das den Preis rechtfertigt. Nichts knackt, alles passt – vor allem in die engen Sitze, fein mit Alcantara bespannt, genau wie das Lenkrad. Jede Menge Carbon ist am Squadra Corsa verbaut, auch der riesige Heckflügel besteht aus diesem teuren Material.

Es gibt noch einige wenige Squadra Corsa zu kaufen, auch in der Schweiz. Zwar kommt dann bald der Huracan als Nachfolger, dies dann mit 610 PS und endlich einem Doppelkupplungsgetriebe, doch der letzte Gallardo ist trotzdem eine Alternative. Und ein Squadra Corsa dürfte über die Jahre sogar im Preis zulegen, er hat auf jeden Fall das Zeug zum Sammlerstück.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch