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Ein Angeklagter, zwei Auftritte

In der ersten Runde fiel Rolf Erb auf die Nase: Das Bezirksgericht verurteilte ihn zu acht Jahren Gefängnis. Diese Woche versuchte der einstige Wirtschaftsführer vor Obergericht etwas Neues. Die Prozesse könnten unterschiedlicher kaum sein. Ein Vergleich der beiden Prozesse.

Tumult (Bezirksgericht Winterthur 2012)...

Rolf Erb und der vorsitzende Richter, Gerichtspräsident Bernhard Sager, liefern sich einen Zweikampf. Während der sechs Verhandlungstage will der Angeklagte das Verfahren aus den Fugen heben. Er torpediert den Prozess mit Verschiebungsanträgen und haltlosen Vorwürfen an das Gericht. Das fordert den Richter heraus, der klar macht, dass er der Chef im Haus ist.

...vs. Courant Normal (Obergericht Zürich 2013)

Der Angeklagte und seine Anwälte halten sich ans Protokoll. Der fünftägige Prozess verläuft entsprechend ruhig, viele Zuschauer plagt die Langeweile. Der leitende Richter Christoph Spiess hat einen leichten Job. Auch Störungen von aussen gibt es nicht mehr: Erbs Freund Erwin Feurer, der das letzte Mal mit einem Fax an den Richter Unruhe stiftete, tritt nicht mehr auf.

Behindern vs. Mitspielen

Der Angeklagte verfolgt eine klare Strategie: Er will verhindern, dass das Gericht ein Urteil spricht. Als Grund für die vielen Verschiebungs­gesuche gibt er an, seine Pflichtverteidiger seien nicht gut genug, und er brauche neue Anwälte, die sich erst einarbeiten müssten. Der Richter lässt ihn abblitzen – und lehnt alle Anträge ab.Rolf Erb hat einen der bekanntesten Strafverteidiger der Schweiz engagiert. Mit Lorenz Erni ändert sich auch die Strategie. Statt zu verzögern, spielt Erb nun mit – und lässt seinen Verteidiger die eigene Version der Geschichte vortragen. Dieser will mit einem Gutachten zeigen, dass Erb kein Motiv zum Betrügen gehabt haben soll.

Zugeknöpft vs. Gesprächig

Rolf Erb beantwortet keine der Fragen, die ihm der Richter stellt. So erfährt die Öffentlichkeit nicht, wie sich Erb zu den Betrugsvorwürfen der Staatsanwaltschaft stellt. Erst am letzten Tag äussert sich Erb in einer Rede. Darin stellt er sich als ehrbaren Geschäftsmann dar, der vom Konkurs der Erb-Gruppe überrascht wurde.Der Angeklagte beantwortet brav alle Fragen des Richters, den heiklen weicht er allerdings aus – so zum Beispiel als der Richter wissen will, ob das seine Schrift auf einem Dokument sei, mit dem Jahresabschlüsse verändert wurden. In einigen Momenten ist Erb derart redefreudig, dass ihn der Richter unterbrechen muss.

Saloppe Sprüche vs. Gewählter Ausdruck

Erbs Entourage besteht aus vier Anwälten, zwei Pflichtverteidigern, zwei von Erb bezahlten. Die Pflichtverteidiger betonen, dass sie im Grunde unfähig seien, Erb zu vertreten. Die bezahlten Anwälte wählen einen so informellen Ton, dass der Richter sie gar zurecht weist – etwa als sie die bei der Staatsanwaltschaft lagernden Sekundärakten salopp als «Kellerakten» bezeichnen.Rolf Erb hat drei Anwälte. Den Lead hat Strafverteidiger Lorenz Erni, der sechs Stunden plädiert und sich gewählt ausdrückt. Zwar kritisiert er die Staatsanwälte und das Urteil des Bezirksgerichts scharf, doch fällt er nie aus der Rolle des höflichen Gentlemans. Was den Inhalt des Plädoyers angeht, lehnt er sich stark an die Rede von Rolf Erb vor Bezirksgericht an.

Dominant vs. Angepasst

Staatsanwältin Susanne Leu tritt sehr bestimmt auf. Auch sie wählt oft einen saloppen, ja boulevardesken Ton. Einige ihrer Ausführungen scheinen sich eher an die Öffentlichkeit zu richten als an das Gericht. Leu rechtfertigt etwa, dass sie sich für Banken einsetzt, obwohl diese im Moment ein schlechtes Image hätten.Die Staatsanwaltschaft tritt erneut dominant auf. Der Richter nimmt Anklägerin Susanne Leu aber gleich zu Beginn etwas Wind aus den Segeln. Er tadelt sie für eine angeblich unnötige Frage. «Keine weitere Fragen», antwortet sie kleinlaut. Den saloppen Ton behält sie bei. So nennt sie Rolf Erb «genial – genial kriminell».

Barsch vs. Jovial

Richter Bernhard Sager (EVP) kann nur schlecht verbergen, dass ihm das widerborstige Verhalten des Angeklagten auf die Nerven fällt. Er tritt barsch und abweisend auf, für Rolf Erb lässt sich keinerlei Wohlwollen ausmachen.Richter Christoph Spiess (SD) bemüht sich anfänglich um einen freundlichen, ja fast kollegialen Umgangston. Als Erb seinen Fragen ausweicht, wird er aber ruppiger. Sein wichtigstes Ziel ist ein geregelter Ablauf des Prozesses.

Drakonisch vs. Offen

Das Gericht verurteilt Rolf Erb zu acht Jahren Haft – kaum je wurde im Bereich der Wirtschaftskriminalität eine so hohe Strafe verhängt. Zudem soll Erb sein ganzes Vermögen verlieren.Die Oberrichter brüten in den nächsten Wochen über den Akten. Noch sind Schuldspruch und Strafe offen. Rolf Erb will einen Freispruch, die Staatsanwaltschaft zehn Jahre Haft.

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