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Ein beschwerlicher Weg

Wenn am 17. August der EM-Marathon in Zürich startet, gehört der Neo-Schweizer Tadesse Abraham zu den Favoriten. Eine Medaille wäre eine Entschädigung für einen beschwerlichen Weg.

Eritrea, von wo Abraham herkommt, ist geprägt von vielen Konflikten. Dort werden Menschenrechte mit Füssen getreten. Nachdem er 2003 an den Cross-Weltmeisterschaften in Lausanne teilgenommen hatte, entschloss er sich deshalb, sein Leben in der ruhigeren und demokratischen Schweiz fortzusetzen. Ein Jahr später entfernte er sich an der Cross-WM in Belgien vom eritreischen ­Team und setzte seinen Plan in die Tat um. Er landete zusammen mit Landsmann Simon Tesfaye in der Asylunterkunft Uster.

Risiken in Kauf genommen

Gleich in der Nähe befand sich eine Leichtathletik-Bahn. Und so lernte Abraham unter anderen Marco Eggs kennen, der ihn als Berater und Koordinator noch heute tatkräftig unterstützt. «Ich merkte gleich, dass er aus dem Lebensrhythmus geraten ist», erinnert sich Eggs. «Es gab Hochs und Tiefs. Ich habe einiges mit ihm durchlebt.» Dies ist verständlich, schliesslich nahm Abraham mit der Flucht ein gewisses Risiko auf sich. Er wusste nicht, ob er in seine Heimat zurückkehren muss.

Ein Risiko nahm er auch in Kauf, als er sich von der Asylkoordination lossagte, weil ihn diese dazu drängte, eine Ausbildung zu machen. Grundsätzlich hatte er zwar nichts gegen eine solche, doch fürs Erste wollte er den Weg eines Profisportlers gehen. Daher verzichtete er auf jegliche Unterstützung von dieser Stelle, obwohl ihm nur wenig Geld zur Verfügung stand. Der finanzielle Engpass führte jedoch dazu, dass er viele Rennen bestritt, was für die sportliche Entwicklung nicht nur förderlich war.

Engagement und Leidenschaft

Eggs beschreibt Abraham als sehr bodenständig und zielgerichtet. «Was er sich vornimmt, verfolgt er mit grossem Engagement und Leidenschaft.» Auch sonst verfüge er über viele Fähigkeiten, so lerne er einfach Sprachen. Er könne sich einordnen. «Das zeugt von menschlicher Grösse und Reife.»

Marathon-Europameister Viktor Röthlin, der seit 2010 sporadisch mit Abraham trainiert und von Ende 2010 bis Anfang 2013 die Trainingspläne für ihn schrieb, findet den Neo-Schweizer «sehr humorvoll. Und er ist in vielen Tugenden sehr schweizerisch.» Beispielsweise nervt er sich, wenn jemand unpünktlich ist, was in Afrika gang und gäbe ist. Gleichzeitig sei er aber ein Schlitzohr geblieben, so Röthlin. Er schaue schon auch, dass es für ihn stimme. Röthlin betonte aber, dass er dies nicht böse meine.

Potenzial und Rückschläge

Das Potenzial von Abraham war schon früh zu erkennen. 2005 beispielsweise gewann er den Grand Prix von Bern. Den ersten Marathon bestritt er 2009 in Zürich, wobei er mit guten 2:10:09 Stunden gleich siegte. Vor einem Jahr stellte er an gleicher Stätte mit 2:07:44 einen Streckenrekord auf. Schneller war 2013 kein Europäer, und auch heuer unterbot bislang keiner diese Zeit.

In diesem Jahr gab es für Abraham in Zürich allerdings einen Rückschlag, stieg er doch nach rund 30 kam aus. Der grössere Druck sei ihm zum Verhängnis geworden, so Eggs. Das sei etwas, das ein Sportler lernen müsse. «Wir haben aber die richtigen Schritte in die Wege geleitet, arbeiten mit Spezialisten zusammen, die ihm helfen werden.» Zudem ist Eggs überzeugt, dass Abraham aus der Einbürgerung «enorme Kraft schöpft».

Dies braucht er auch, wird doch der Druck an der EM ungleich grösser. Für Röthlin ist Abraham der Goldfavorit Nummer 1. «Es wird für ihn das erste Mal sein, dass es sportlich richtig um etwas geht. Ich bin gespannt, wie er mit dem umgeht, ob es ihn ­beflügelt oder blockiert.» Der 17. August wird es zeigen. spg

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