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Ein Brief ans Christkind

Lang dauert es nicht mehr bis Weihnachten, der Wunschzettel ans Christkind sollte spätestens jetzt abgeschickt werden. Der kleine Georg Reinhart (1877 bis 1955) hat den seinen vor mehr als 120 Jahren geschrieben. Er ist zu sehen in der Studienbibliothek.

Nur ein Blatt ist es diesmal und nicht ein Ausschnitt aus einer ganzen En­zy­klo­pädie wie beim ersten Original des Monats. Aber auch dieses kleine Blatt – es misst 20 auf 12,3 Zentimeter – hat es in sich. In schöner Schulschrift hat der kleine Georg aufgeschrieben, was er sich zu Weihnachten wünscht. Wie alt mag er da gewesen sein, acht, neun Jahre oder vielleicht schon zehn? Georgs Vater Theodor, zu jener Zeit Teilhaber des Handelshauses Gebrüder Volkart, welches er später ganz übernahm, hat das Blatt bis zu seinem Tod im Januar 1919 aufbewahrt; es fand sich in seinem Nachlass, von wo es später in die Sammlung der Studienbibliothek gelangte. Wunschdenken Ob auch Georgs Bruder Hans damals einen Wunschzettel geschrieben hat? Aber Hans, dreieinhalb Jahre jünger als Theodor Reinharts Ältester, war vielleicht noch zu klein – Werner und Oskar mochten gar noch in den Windeln stecken. Das fünfte Kind von Theodor und Lilly Reinhart-Volkart sollte erst im Sommer 1890 geboren werden, auch wenn es vielleicht auf einem ungeschriebenen Wunschzettel des Vaters stand. Der war dann völlig vernarrt in die kleine Emma («das Emmeli»); ein Brief an Robert Zünd, diesen grossen Schweizer Maler des 19. Jahrhunderts, ist ein schönes Zeugnis dafür. Aber da geraten wir mitten hinein in Winterthurer Familiengeschichten, dabei geht es hier doch einfach um ein Dokument aus Kinderhand, wie es viele gab und gibt, auch im Internetzeitalter noch. Georgs Wunschzettel ruft vieles wach, die eigene Kindheit, was Kinder von heute sich wünschen usf. Sechs Wünsche schreibt Georg auf, nachdem er dem «lieben Christkindlein» versprochen hat, den Eltern künftig «mehr Freude» zu bereiten. Was für Kindersünden mag er wohl begangen haben? Seine Wünsche zeigen, dass er kein einseitiges Kind ist: dass er eine aktiv bewegte und eine eher sinnlich ruhige Seite hat. So wünscht er sich einen neuen Thek für seine Zeichnungen. Das erinnert daran, wie begabt Georg Reinhart, der spätere Geschäftsmann und Förderer, Sammler und Mäzen von Kunst, auch auf diesem Gebiet war. Malen und Zeichnen in Freizeit und Ferien gehörten einfach dazu. Was man sich jedoch unter dem ebenfalls gewünschten «Malerglas» vorzustellen hat, bleibt ein Geheimnis. Klar hingegen scheint die Sache mit dem «Markenalmbum». Der kleine Sammler erhielt gewiss so manche exotische Briefmarke aus den Ländern, in denen die Gebrüder Volkart tätig waren; da durfte das Album schon dick sein. Abenteuerlust Dass sich ein «richtiger» Bub Säbel und Gewehr wünscht, verwundert nicht, und dass die Abenteuerlust auch mit Lektüre gestillt werden muss, ebenso wenig. So steht denn als letzter Wunsch der «Waldläufer» auf Georgs Zettel. Das kann, dass muss «Der Waldläufer» sein, den Karl May nach dem gleichnamigen Original des französischen Reiseschriftstellers Gabriel Ferry «für die Jugend bearbeitet» hat; Karl Mays Roman ist 1879 erschienen. Am Schluss bleibt die Frage: Hat Georg alles bekommen, was er sich wünschte? Gönnen möchten wir es ihm, war er doch als Erwachsener nicht nur in Sachen Kunst, sondern auch als gerechter, weitblickender Arbeitgeber ein Mensch, der sich um vieles verdient gemacht hat.

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