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Ein Flop, aber ein grandioser

Mit dem Marlin wollte die American Motors Company (AMC) schon vor dem Ford Mustang ein neues Segment eröffnen. Das ging schief. Lesen Sie warum.

Im Januar 1964 stellte die American Motors Company auf der National Convention in Detroit dieses Coupé namens Rambler Tarpon vor. Der ungewöhnlich gestylte Wagen sollte das Interesse der jungen Kundschaft wecken und sowohl mit einem preisgünstigen Sechszylinder, als auch mit einem potenten V8-Motor lieferbar sein. Das Design spaltete die Gemüter; an eine profane Ramblerfront reiht sich eine ungewöhnlich in die Länge gezogene Silhouette mit dramatischem Abgang. Im April 1964 kam Ford mit dem Mustang heraus. Lange Haube, kurzes Heck, wie der Tarpon simpel auf der Basis einer Kompaktlimousine gestrickt. Vom ersten Tag an gefragt wie der Kaffee zum Frühstück; jeder wollte einen Mustang haben. Runde 700?000 verkaufte Einheiten im ersten vollen Verkaufsjahr. Bis heute hat sich dieser Erfolg nicht wiederholt. Vom schliesslich Marlin getauften AMC-Produkt liessen sich dagegen 1965 nur 10?357 Einheiten absetzen. Im Jahr darauf waren es noch rund 4500 Einheiten. So sehen Verlierer aus. Marlin sind schwimmaktive Speerfische, im Leben unter Wasser können sie bis zu 750 Kilogramm schwer und pfeilschnell werden. Dem Marlin von AMC gelingt es weder optisch noch auf der Strasse, diese Attribute zu verkörpern. Einerseits wirkt er dank seiner luftigen Silhouette leicht, andererseits suggeriert er keinerlei Sportlichkeit. Da halfen auch die optional erhältlichen Einzelsitze vorne, und die ebenso eingeteilte Fondsitzbank nichts. Und selbst die leidensfähigen Amerikaner dürften sich letztlich am peinlich kleinen Kofferraumdeckel gestört haben. Der Zugang wurde eindeutig auf dem Stylingaltar geopfert. Da folgt die Form überhaupt nicht der Funktion. Kurbeln, kurbeln, kurbeln Wir rudern, als lägen wir in einer Hängematte, die Zielgenauigkeit des zweifarbigen Lenkrads ist so präzise, wie die von vielen Politikern, Hauptsache die Richtung stimmt einigermassen. Dann rufen wir die Power ab und es kommt so etwas wie Schub heraus. Nicht berauschend, aber ok, wir wollen mit diesem Auto ja nicht rasen. Geräuscharm wehrt sich die Mechanik gegen die falsch interpretierte Aerodynamik. Der ursprüngliche Käufer unseres 1660 Kilogramm schweren Marlins kreuzte fast alles an, was damals möglich war, so auch das manuelle Viergang-Getriebe statt einer Automatik, nicht aber die elektrischen Fensterheber. Aus heutiger Sicht ein Fehler. Eindrücklich wie Hundekot hängen die Drehkurbeln an Türen und hinteren Seitenverkleidungen. Im pfostenfreien Auftritt liegt aber ein wesentlicher Aha-Effekt des AMC-Coupés. Um diesen Zustand zu erreichen, muss aber nun intensiv gekurbelt werden. Dann fahren wir und nehmen im Rückspiegel die Perspektive eines Reisecars auf. Unendliche Weite gegen hinten, Dachhimmel und Interieur schwarz gemalt. Der Chefdesigner der Braun-Rasierer, Dieter Rams, gab einmal zu Protokoll, dass Styling so einfach wie möglich gestaltet sein muss. Der Marlin, vom AMC-Designer Richard A. Teague gezeichnet, beweist diesen Satz bis heute – indem er das Negativbeispiel zeigt. Unzerstörbar in US-Manier Immerhin präsentiert sich das von der Touring Garage in Oberweningen zur Verfügung gestellte Exemplar technisch in einwandfreiem Zustand. Das Knarzen beim Lenken rührt von einer ausgelaugten Buchse im Umlenkgetriebe des Lenkstockes her, das lässt sich mit geringem Aufwand aus der Welt schaffen. Der Rest wirkt in typischer US-Manier unzerstörbar. Dem Internet sei Dank sind Zustandsdefizite kaum ein Problem: aus den USA bekommt man fast alles und zu vernünftigen Preisen. Der gezeigte Marlin kann also in kurzer Zeit wieder wie eine Eins dastehen. Und dann hat man ein Auto, so rar wie die Blaue Mauritius. Mit dem Marlin zu flanieren ist heute ein Erlebnis. Da drehen selbst Leute den Kopf, die sonst schon bei der akustischen Ankündigung eines italienischen Sportwagens in Deckung gehen würden. Im Katalog der Automobil Revue von 1965 ist der Marlin als Rambler Marlin registrier. Ein Jahr später trat der Marlin als eigene Marke auf. Zum Preis von 22?500 Franken stand er bei den Händlern, ein Mustang kostete 3000 Franken weniger. Zwei Jahre später fehlte der Marlin schon wieder im Katalog. Vielleicht hat er dieses Schicksal verdient, jedenfalls profitieren die Erben dieses Autos heute von seiner raren und auffälligen Gestalt. Weniger, als eine Hand Finger hat, überlebten in der Schweiz.

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