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Ein folgenschwerer Schuldschein

Morgen feiern Ober- und Unterstammheim 550 Jahre Zugehörigkeit zum Kanton Zürich. Begonnen hatte damals alles mit einer dubiosen Auktion.

550 Jahre Zugehörigkeit zu Zürich: Was in Orten wie Winterthur vielleicht eher zurückhaltend gefeiert würde, wird in Stammheim mit einem kleinen Festakt samt eigener Jubiläumswurst begangen. Dass sich Stammheim auf seine zürcherische Vergangenheit besinnt, hat vielleicht mit der beträchtlichen Distanz zur fernen Grossstadt zu tun, ist aber auch einer besonderen Geschichte geschuldet. Sie ist aber nicht ganz so eindeutig, wie es der Festakt zu versprechen scheint. Noch vor nicht allzu langer Zeit feierte das Stammertal den 1250. Geburtstag der Ersterwähnung von 761, es gehört zu den ältesten urkundlich dokumentierten Dörfern der Zürcher Landschaft. Die romantische Galluskapelle oberhalb von Oberstammheim weist auf die frühen Herrschaftsstrukturen hin, gehörte Stammheim doch lange dem Kloster St. Gallen. Ehrgeizige Thurgauer 1303 verkaufte die Abtei den weltlichen Besitz den Herren von Klingenberg, einer aufstrebenden Adelsfamilie aus dem Thurgau. Die Klingenberger sassen später auf dem Hohentwiel und in Stein am Rhein und bauten sich im thurgauisch-hegauischen Gebiet eine stattliche Macht auf. Stammheim spielte aber bestenfalls eine Nebenrolle und diente der Absicherung von Schulden ­– was der Familie zum Verhängnis wurde, als die Stadt Zürich begann, sich nach Norden auszubreiten. In einem nicht ganz lupenreinen Verfahren nutzte die Stadt Zürich im Sommer 1464 die Gelegenheit, sich über Schuldforderungen billig in den Besitz der Gerichtsherrschaft Stammheim zu setzen. Vordergründig wurde in Zürich ein Schuldbrief der Klingenberger versteigert, allerdings gab es an der wohl inszenierten Gant bloss eine einzige Bieterin – die Stadt selber. Die Adelsfamilie protestierte zwar gegen das Vorgehen der Limmatstadt, konnte aber an den neu geschaffenen Tatsachen nichts mehr ändern. Der Zugriff Zürichs beschränkte sich allerdings auf die niederen Gerichtsrechte. Die landesherrlichen und kirchlichen Rechte gehörten zu St. Gallen und dem Thurgau, und die Hoheit über den Thurgau übten seit 1460 die eidgenössischen Orte aus. Von klaren Abgrenzungen konnte also keine Rede sein. Tal erhält Sonderstellung Der Rat der Limmatstadt liess sich aber von diesem charakteristischen frühmodernen Wirrwarr nicht beirren und erreichte für seine neuen Untertanen bald eine Sonderstellung. Vertraglich regelte Zürich 1504 mit der Landgrafschaft Thurgau die Kompetenzen zugunsten einer weitgehenden Eigenständigkeit des Stammertals. Einzig für das Blutgericht unterstand es dem Thurgauer Landvogt. Mit dem Kauf der thurgauischen Burg Steinegg 1583 als Sitz eines Obervogtes baute Zürich seinen Einfluss im Grenzgebiet gar aus. Stammheim profitierte nicht zuletzt von der herrschaftlichen Konkurrenz zwischen Adelsfamilien, der Abtei St. Gallen, Zürich und der Landvogtei Thurgau. Das von einzelnen einflussreichen Geschlechtern wie den Wirth, Farner oder später Wehrli geleitete Dorf genoss einen erstaunlichen Spielraum und profitierte zusätzlich von einer wirtschaftlichen Blütezeit. Rätselhafte Trennung Ablesbar bleibt der Aufschwung an den markanten Fachwerkbauten, die zum Teil bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen, wie auch am prachtvollen Gemeindehaus mit seinen Wappenscheiben. Die Boomjahre und das damit verbundene Bevölkerungswachstum führten im 16. Jahrhundert wohl auch zur Aufteilung in die beiden Gemeinden Ober- und Unterstammheim. Zeitpunkt und Hintergründe der Trennung können aber nicht eruiert werden. Als Grenzort zum katholischen Gebiet stand Stammheim nicht ganz zufällig im Fokus des reformatorischen Geschehens. In Zusammenhang mit dem Ittinger Klostersturm wurden der neugläubige Prädikant Johannes Wirth und sein Vater, Untervogt Hans Wirth aus Stammheim, vom thurgauischen Landvogt gefangen genommen und am 28. September 1524 in Baden als erste reformierte Märtyrer hingerichtet. So lautete zumindest die protestantische Sichtweise. Die Reformation verstärkte die Zugehörigkeit des Stammertals zu Zürich. Den Pfarrer hingegen setzte weiterhin das Kloster St. Gallen ein, es beanspruchte auch den Zehnten und wurde dabei freundeid­genössisch von Zürich unterstützt. Langsam «verzürchert» Diese aus moderner Sicht ziemlich eigenartigen Verhältnisse endeten erst im Umfeld der napoleonischen Neuordnung Europas. 1798 kam Stammheim endgültig und vollständig zum neuen Kanton Zürich, während die kirchlichen Rechte dann 1808 von Zürich übernommen wurden. Was vor 550 Jahren mit einem Schuldschein begonnen hatte, führte in einem langsamen Prozess zur «Verzürcherung» des Stammer­tales, das jedoch bis in die Gegenwart seine Eigenständigkeit zu wahren weiss.

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