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«Ein Gentest kann trügerisch sein»

Die Schauspielerin Angelina Jolie hat sich aufgrund eines Gentests einer radikalen Brustoperation unterzogen. Damit senkt sie ihr Risiko, an Krebs zu erkranken. Kantonsspitalarzt Uwe Güth sagt, weshalb dieser Test aber nur sehr wenigen Frauen nützt.

Angelina Jolie hat einen Gendefekt, der Brustkrebs auslösen kann. Herausgefunden hat sie das mittels Gentest. Sollten sich alle Frauen so testen lassen? Uwe Güth*: Nein. Wieso nicht? Eine Frau sollte den Test für den BRCA1/2-Gendefekt nur erwägen, wenn Brust- und/oder Eierstockkrebs in ihrer Familie häufig aufgetreten sind. Vor allem, wenn die Mutter oder Schwester früh erkrankten. Ohne entsprechende Vorgeschichte kann ein Test trügerisch sein. Inwiefern? Zeigt der Test, dass eine Frau den Defekt nicht hat, wähnt sie sich allenfalls in falscher Sicherheit. Sie kann aber auch ohne diesen Defekt an Brustkrebs erkranken. Die deutliche Mehrzahl der Patientinnen weist diesen Defekt nämlich nicht auf. Falls Sie dennoch zu einem entsprechenden Gentest raten, wie läuft das ab? Kommt eine Frau zu uns und berichtet von einer Vielzahl jung erkrankter Familienangehöriger, erstellen wir einen Stammbaum und kennzeichnen erkrankte Verwandte. Diesen leiten wir an eine Genetikerin weiter. Aus dem Familienprofil kann sie die Wahrscheinlichkeit eines BRCA1/2-Gendefektes berechnen. Ein Test wird aber erst nach Beratung mit der Patientin vorgenommen. Wieso ist das so kompliziert? Es geht schliesslich um Krebsprävention. In der Schweiz tragen nur sehr, sehr wenige Frauen diesen Gendefekt. Zudem sollte sich eine Frau vor dem Test gut überlegt haben, was sie mit dem Ergebnis anfängt. Es geht ja nicht nur um das blosse Wissen, den Defekt zu tragen. Ein erhöhtes Krebsrisiko ist bei belasteter Familiengeschichte auch ohne Gendefekt gegeben, sodass regelmässige Kontrollen ohnehin angeraten sind. Besonders relevant ist ein Test für die Frauen, die bei einem positiven Ergebnis Konsequenzen ziehen – so wie Angelina Jolie mit der vorbeugenden Entfernung der Brüste. Dazu sind aber längst nicht alle bereit. Brustkrebs ist weit verbreitet. Laut Statistik erkrankt jede achte bis zehnte Frau daran. Was ist die beste Prävention? Die perfekte Prävention gibt es nicht. Was ist mit regelmässiger Mammografie? Mittels Mammografie lassen sich Tumore erkennen, bevor sie für die Frau tastbar sind. Hier handelt es sich nicht um eine Vorbeugung, sondern um eine Früherkennung. Im Kanton Zürich gehört die Mammografie aber nicht zu den üblichen gynäkologischen Untersuchungen. Soll sich das ändern? Falls die Mammografie zu einer Untersuchung wird, die allen Frauen zwischen 50 und 70 Jahren kostenlos in einem staatlich oder kantonal geförderten Programm zu Verfügung gestellt würde, hätte das den Vorteil, dass die Auswertung wohl nur noch durch sehr spezialisierte Ärzte gemacht würde. Falsche Diagnosen würden dann immer seltener. Dennoch wirken Sie nicht ganz überzeugt. Generell werden Tumore mittels Mammografie früher entdeckt. Das ist in vielen Fällen gut. Aber nur, weil ein Tumor klein ist, heisst es nicht, dass man ihn immer heilen kann. Es ist aber so, dass das Mammografie-Screening jeden fünften bis zehnten brustkrebsbedingten Todesfall verhindert. Es wäre wünschenswert, den Frauen im Kanton Zürich organisierte Mammografie anzubieten. Das Pro­blem des Brustkrebses als Volkskrankheit wird diese aber nicht lösen können. Was bringt das Abtasten der Brust? Es ist gut, wenn sich eine Frau mit ihrer Brust vertraut macht und Veränderungen erkennen kann. Ob dadurch mehr Brustkrebse entdeckt werden, ist fraglich. Das tönt etwas deprimierend. Sie sagen, eine Frau kann an sich nicht viel tun, um Brustkrebs vorzubeugen. Es gibt wenig praktikable Massnahmen, die das Brustkrebsrisiko relevant vermindern. Beim Lungenkrebs ist es zum Beispiel anders. Dieser betrifft vor allem Menschen, die viel rauchen. Vielleicht hilft beim Brustkrebs ein Umdenken. Wie? Viele denken beim Wort «Brustkrebs» an ein Todesurteil. Die Medizin hat dieses Denken aber längst überholt. In der Schweiz überleben viel mehr Frauen ihren Brustkrebs, nur eine Minderheit erliegt der Krankheit. Man sollte Brustkrebs deshalb mehr mit Heilung als mit Tod in Verbindung bringen. Das gäbe Frauen Mut und Zuversicht, sich dem Problem Brustkrebs zu nähern.

*Gynäkologe Uwe Gu?th ist Leitender Arzt in der Frauenklinik des Kantonsspitals Winterthur und Professor an der Universität Basel.

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