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Ein Grenzgänger

Er schreibt für ein Europa der Vielfalt und gegen «Demokratien ohne Demokratie». Claudio Magris, der heute 75 Jahre alt wird, ist ein Germanist und ein vielseitiger Intellektueller. Und er nimmt auch gern zum Tagesgeschehen Stellung.

Claudio Magris, italienischer Schriftsteller und Germanist, ist ein brillanter Autor und hervorragender Kenner Deutschlands. Der Kämpfer für ein vereintes Europa und scharfe Kritiker der Allüren Silvio Berlusconis ist ein vielfach geehrter Grenzgänger zwischen den Kulturen.

Heute wird Magris, der in den letzten Jahren mehr Preise einheimste als neue Bücher veröffentlichte, 75 Jahre alt. Im Jahr 2011 erschien von ihm auf Deutsch «Das Alphabet der Welt: Von Büchern und Menschen». Er wurde wiederholt als möglicher Literatur­nobelpreisträger genannt. Magris war 2009 der ideale Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Dennoch war das Echo nicht nur positiv, als ihm die hohe deutsche Auszeichnung zuerkannt wurde. Kritiker sagten, sein Ideal von einem Europa der Vielfalt sei angesichts der auf- flackernden Nationalismen und der wachsenden Europamüdigkeit wenig zeitgemäss.

Doch Magris macht Front gegen Populismus und extremes Denken. Als Kolumnist des «Corriere della Sera» schrieb er in einer Analyse kürzlich, wer die Basis für den Aufstieg von Marine Le Pen in Frankreich gelegt habe: der Sozialist François Mitterrand, der aus taktischen Motiven die extreme Rechte salonfähig gemacht habe.

Am Kreuzweg

Claudio Magris hat seinen Traum auch noch lange nicht aufgegeben, wie er in seiner Rede in der Paulskirche 2009 deutlich machte. «Auf Europa wartet die grosse und schwierige Aufgabe, sich den neuen Kulturen der ‹neuen Europäer› aus der ganzen Welt zu öffnen, die es durch ihre Mannigfaltigkeit bereichern.» Er beklagte einen neuen Populismus, der Demokratien ohne Demokratie schaffe. Und Magris meinte damit ganz Europa, also nicht nur sein Heimatland Italien.

Der Literaturprofessor ist ein Grenzgänger: Er stammt aus der lange umkämpften Grenzstadt Triest – der Kreuzung der italienischen, slawischen und deutschen Kultur. Wie kaum ein anderer Publizist hat er in seinen intellektuell bestechenden Essays und Romanen das Verbindende der Grenzen in Europa beschrieben. Damit ist Ma­gris auch ein versierter Wanderer zwischen Literatur und Philosophie geworden, ein Flaneur durch die europäische Kultur.

Magris, dessen Mutter Deutsch konnte und der später in Turin und Freiburg studierte, wurde mit seiner im Alter von 24 Jahren geschriebenen Doktorarbeit «Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur» (1963) bekannt. Auf seiner Fahrt entlang der Donau («Donau. Biographie eines Flusses») beschwor er in den 1980er-Jahren auf den fast 3000 Kilometern von der Quelle bis zur Mündung – und vor dem Fall des Eisernen Vorhangs – das alte Mitteleuropa. Sein Roman «Blindlings» gilt ebenfalls als Erkundung der schwierigen europäischen Seele von der Antike bis zur Gegenwart.

Essayist, Kolumnist

Auch in die Politik seines Landes hat sich der Vater zweier Kinder immer wieder eingemischt. Von 1994 bis 1996 sass Claudio Magris als unabhängiges Mitglied eines Linksbündnisses für die Grenzregion Triest im römischen Senat. Aus Enttäuschung über Berlusconi und dessen Politik gründete er im Jahr 2002 mit Umberto Eco und anderen Künstlern die Vereinigung «Libertà e Giustizia». Als Essayist und Kolumnist des «Corriere» nimmt er innen- wie aussenpolitisch Stellung.

Für seine Leitung und das Engagement für Europa erhielt Claudio Magris viele Auszeichnungen, unter anderem den Prinz-von-Asturien-Preis (2004) und den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur (2005). Vier Jahre später folgte dann der europäische Essay-Preis Charles Veillon aus der Schweiz und vor zwei Jahren das Grosse Bundesverdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik.

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