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Ein kleines Stück vom Garten Eden

Eine abwechslungsreiche, leichte Familien­wanderung erschliesst den südwestlichen Teil des Zürcher Weinlandes. Die Route überrascht mit weiten Ausblicken, reicher Vegetation und zwei traumhaften Landsitzen.

Die Wanderung beginnt in Volken: Die Flaachtaler Gemeinde ist die kleinste im Kanton, sie zählt nur wenig über dreihundert Einwohner, besitzt aber mit einer stündlich bedienten Buslinie, einem eigenen Dorfladen und einem Restaurant eine erfreulich gute Infrastruktur. Dazu kommt eine Schule – mit Turmuhr. Nur eine Kirche hatten die Volkemer nie. Ab 1610 wurden sie nach Flaach kirchgenössig, vorher mussten sie den langen Weg nach Andelfingen gehen. Daran erinnert ein Wanderweg, der «Chilewäg». Die Landwirtschaft ist hier denn auch überall präsent: Zwei Drittel der Gemeindefläche werden landwirtschaftlich genutzt. Die 15 Klein- und Mittelbetriebe betreiben vorwiegend Ackerbau und pflegen am Worrenberg auch die Reben. Das Dorfwappen mit Pflugschar und zwei Rebmessern am grossen Dorfbrunnen weist auf die beiden Wirtschaftszweige hin. Der Weg führt durchs saubere Dorf mit seinen Fachwerkbauten. Einige sind zu reinen Wohneinheiten umgenutzt worden und am Dorfrand ist ein kleines Einfamilienhausquartier entstanden. Leicht ansteigend gehts zum Worrenberg hinauf. Der Volkemer Rebberg umfasst knapp elf Hekt­aren, vorwiegend wird Blauburgunder kultiviert. Doch – auch ein Garten Eden hat seine Schattenseiten: Zahlreiche Schadenmeldungen der Hagelversicherung erinnern an das Unwetter vom 18. Juni dieses Jahres. Ein Arbeiter in den Reben meint, sie würden jetzt noch das Beste daraus machen. Dann arbeitet er mit seiner grossen Schere unverdrossen weiter. Nicht auf die Versicherung, sondern auf den Schutz höherer Mächte zählte ein Rebbauer. In schön geschriebener Schrift steht ein Spruch am Rebhäuschen: «Die Rebe, sie wächst bei Tag und bei Nacht. Ich will sie pflegen, trag sorgsam ihr Wacht und schenkt sie zum Segen den perlenden Wein. Gott mag es geben s’mög immer so sein.» Nachdem wir den östlichen Ortsteil von Flaach durchquert haben, führt uns ein schattiger Weg zwischen Waldrand und ansehnlichen Pflanzgärten durch. Über eine Treppe kann man ins Dorfzentrum gelangen, wo Wirtschaften zu einem Zwischenhalt einladen und eine Bäckerei mit verführerischem Angebot und freundlicher Bedienung lockt. Wenig später fällt der Blick auf die Dächerwelt der Untermühle. Leider hat der Besitzer das Restaurant aufgegeben. Was für ein Garten unter Kastanien! Heute nur noch morbider Charme. Der Langweisenbach plätschert munter durch ein Tobel mit einer üppigen Pflanzenwelt und fällt gar selbstbewusst in vier Stufen über eine Felswand. Am Ausgang des Tobels schimmert plötzlich das weisse Schloss Eigental durch die Bäume. Der elegante Landsitz erhielt seine heutige Gestalt 1588, wurde aber immer wieder um- und ausgebaut. Leider bleibt das golden und schwarz bemalte, schmiede­eiserne Gitterportal auch für den «Landboten» verschlossen. Der Besitzer weist freundlich, doch bestimmt dar­auf hin, dass die Familie das Schloss vor Besuchern abschirmen will. Mehrmals pro Woche könnte er den Traumbesitz für verschiedenste Anlässe öffnen. Die Ruhe sei ihnen gegönnt. Auch von ausserhalb des Zauns ist der Besitz mit der weiten Gartenanlage samt Schwimmhalle eine Augenweide. Kaum hat man den nächsten Rebhang erklommen – hier scheint das Unwetter wenig Schaden angerichtet zu haben –, steht man wieder vor einem herrschaftlichen Bau. Gerichtsherr Hans Heinrich Escher liess im 17. Jahrhundert den lang gestreckten zweigeschossigen Baukörper mit den Treppengiebeln und dem steilen Satteldach errichten. Das Schloss blieb zweihundert Jahre im Besitz der Escher, die auch Eigental besassen. Zeitweilig verband eine Allee die beiden Schlösser. Nach etlichen Eigentümerwechseln gehört Schloss Berg seit 1987 der Familie von Ballmoos, die es als Familiensitz samt Landwirtschaftsbetrieb nutzt. Angegliedert ist ein Gestüt für reine Vollblutzucht. Prominentester Bewohner war der Dichter Rainer Maria Rilke, der im Schloss den Winter 1920/21 verbrachte. Er war entzückt von der herrlichen Umgebung, pries die Gartenanlagen, den Springbrunnen und die Kastanienallee. Aussergewöhnlich ist die Gemeindeverwaltung Berg, denn sie ist in einem ehemaligen Fachwerkbau der Landesausstellung 1939 untergebracht. Ein Kätzchen mit stark ausgefranstem Fell begegnet uns auf dem Weg zum «Landihaus». Es will so gar nicht in die gepflegte, blumengeschmückte Umgebung passen. Das Postauto bringt uns schliesslich zurück in die Stadt. Die angenehme Wanderung durch eine liebliche Ecke unseres Kantons hat ihr Ende gefunden.

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