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Ein Kraftakt für Körper und Seele

Werner Ignaz Jans schneidet aus Holzstämmen lebensgrosse Skulpturen und formt sie zu beseelten Figuren. Am 17. März öffnet er sein Atelier in Riet.

Das Haus kann man nicht verfehlen, und wer zufällig daran vorbeifährt, wird für einen Augenblick abgelenkt. Menschengrosse Gestalten reihen sich der Hausmauer entlang, nackte und bekleidete. Es geht etwas Entschlossenes von ihnen aus und weil die einen schwarz sind und einen Helm tragen, auch etwas Bedrohliches. Alle­samt stehen sie da wie eine Wachtruppe, welche die Hausbewohner vor Eindringlingen schützt.

Kein Wunder, kann der Hausherr und Erschaffer der Skulpturen ungeniert sein Mittagschläfchen machen. Entspannt und mit zerzaustem Haar öffnet Werner Ignaz Jans die Tür und entschuldigt sich dafür, dass er verschlafen habe. So wirkt er aber nicht. Vielmehr wie einer, der mitten von der Arbeit kommt. Seine Augen blicken putzmunter und am Sweatshirt hängen Holzspäne, dazu trägt er eine hellblaue Arbeitshose und hohe Schnürschuhe. «Kommen Sie, ich führe Sie durch mein Reich», sagt der kräftig gebaute Mann und schreitet zügig voran.

«Kompromissunfähig»

Das alte Bauernhaus an der Seuzacher- strasse ist verwinkelt und kein Raum ist exakt auf gleicher Ebene. Hier lebt und arbeitet Jans seit vielen Jahren, ohne Internet und E-Mail. Und sein Handy benutzt er selten. Das funktioniere, sagt er beschwingt. «Was ich wissen muss, bekomme ich zu wissen.» Geboren und aufgewachsen ist der Künstler 1941 in Winterthur, bei einer Elterngeneration, die nach dem Grundsatz erzog, der Bub müsse etwas Handfestes lernen, was das jugendliche Begehren nach Kreativität und Freiheit vorerst dämmte.

Immerhin: Jans begann eine Grafikerlehre, die er jedoch nach zwei Jahren abbrach. Was er als Halbwüchsiger spürte, dazu steht der 72-Jährige noch heute. «Ich bin kompromissunfähig», sagt Jans und präzisiert: «Ich mache, was ich meine.» So ging er damals nach Düsseldorf, um an der Kunstakademie das Handwerk des Bildhauens gründlich zu erlernen. Es folgten Jahre als Freischaffender, parallel dazu unterrichtete er einen Tag pro Woche an der damaligen Kunstgewerbeschule in Zürich. Notgedrungen, aber nicht ungern, wie der Vater von zwei längst erwachsenen Kindern betont.

Seit Langem arbeitet Jans nur noch mit Holz. Das Steinhauen überlässt er seiner Frau, der Bildhauerin Irma Städtler. Man rede sich nicht drein, sagt er lachend. «Luegsch emal», ab und zu, das sei das Höchste. Das Paar lebt und wirkt auch in Italien, wo es im Piemont eine zweite Heimat gefunden hat.

Das Holz bezieht Jans aus der Umgebung, vom Förster, von Bauern, vom Wasseramt oder von Privaten. Es sind Stammstücke verschiedenster Baumarten wie Linde, Eiche, Weide, Erle, aus denen er seine Figuren herausschält – ein Kraftakt, sowohl körperlich wie oft auch seelisch. Denn obwohl der Künstler die zu erschaffende Gestalt im Kopf hat, weiss er nie, ob sie letztlich auch so herauskommt. «Ich lasse mich täglich von Menschen inspirieren, die ich sehe, treffe oder beobachte», erklärt Jans. Das kann ein Lächeln sein, ein verstörter Blick oder eine spezielle Körperhaltung. Diesen Bildern spürt der Künstler nach und versucht, sie zu entschlüsseln. Die meisten blieben ein Rätsel, sagt er nüchtern, nach dem Rätsel komme gleich das nächste. Das sei auch das Schöne daran. «Wenn ich alles wüsste, müsste ich nicht mehr arbeiten.»

Dem Wind vertrauen

Rätseln begegnet auch der Betrachter in der grossen Scheune. Gleich hinter dem Tor sind es eine Nonne, eine Schwangere sowie sitzende, gebeugte und die Hände hochstreckende Figuren. Und auf dem Heuboden warten sie massenweise: menschliche Gestalten, welche die Betrachterin mit Fragen bedrängen. Mit bekümmerter Miene, hängenden Schultern, in sich ruhend oder in selbstsicherer Pose. Mit ihren grossen Händen und dem stämmigen Körperbau passen sie zu ihrem Meister.

Sein Ziel aber ist, die Seele spürbar zu machen. Lasciare passare il tempo, habe ihm ein Italiener in einer blockierten Schaffensphase mal geraten, erzählt Jans. Er aber habe il vento verstanden. Eine wunderbare Verwechslung, der Wind als Metapher für das Tragende, Bewegende und Wechselhafte. So ist auch Jans stets in Bewegung. Seine aktuelle Ausstellung trägt denn auch den Namen «Vom Warten und Weiterziehen» und ist in der Galerie Sylva Denzler in Zürich zu sehen.

www.galerie-sylva-denzler.ch

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