Zum Hauptinhalt springen

Ein «künstlicher Vorort» mit Vorzügen

Fast 40 Personen trotzten der Mittagshitze und begaben sich am Mittwoch auf einen Spaziergang durch die Siedlung Zelgli. Die städtische Denkmalpflege hatte zur Führung eingeladen.

Über der Eisweiherstrasse liegt sommerliche Mittagsruhe: Nur ab und zu ist Geschirrgeklapper zu vernehmen, oder man hört die Stimmen von Kindern. Von ihnen werden die Gärten zwischen den Häuserreihen anscheinend rege genutzt: Planschbecken, Plasticbag­ger, Schaukeln und Trampoline stehen für Nachmittagsaktivitäten bereit.

Angenehm menschenfreundlich präsentiert sich die Siedlung insgesamt: Da dürfen schon mal Unkräuter aus dem Kies vor den Häusern spriessen, Velo­unterstände und Pflanzkübel lockern das Bild auf, vor einigen Häusern stehen kleine Tische mit Stühlen – und manchmal sitzen an ihnen Menschen und sagen freundlich Grüezi.

Nach dem einführenden Rundgang versorgt Denkmalpflegerin Stephanie Fellmann die Zuhörenden mit Hintergrundinformationen: Die Siedlung Zelgli wurde zwischen 1942 und 1945 von der Gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaft Winterthur (GWG) erstellt. «Sie ist in ihrem Erscheinungsbild typisch für die Gartenstadt.» Mit ihr sei ein «künstlicher Vorort» der Altstadt entstanden, es habe am Mattenbach zwar schon immer Mühlen, Schleifen und Landwirtschaft gegeben, dessen Umgebung sei damals jedoch weitgehend unbesiedelt gewesen. Die Zelgli-Siedlung förderte hier die Entwicklung einer Vorstadt mit urbanem Charakter: Bereits in den 1930er-Jahren hatte die Herz-Jesu-Kirche ein Zeichen gesetzt und in den 1960er-Jahren arrondierten grossflächige Überbauungen das Mattenbach-Quartier, sodass es 1973 mit seinen rund 13 000 Einwohnern vom Kreis Altstadt abgekoppelt und zum eigenen Stadtteil wurde.

In nur zwölf Tagen aufgebaut

Erbauer der Zelgli-Siedlung war Werner Schoch, Architekt und auch Genossenschafter. Als die erste Bauetappe von acht Häuserzeilen 1944 in Angriff genommen wurde, fehlte es kriegsbedingt an Zement und Mörtel. Doch die grassierende Wohnungsnot trieb zur Eile an, und man wählte daher die Trockenbaumethode. Der Vorteil dieser Holzständerkonstruktion war, dass eine ganze Häuserzeile von sechs Häusern ab Kellerdecke in nur zwölf Tagen aufgebaut war. Die Bauten konnten zudem rasch bezogen werden, da die Bauaustrocknung entfiel. Weil die Kon- struktion ihre Schwächen in Form von Rissen jedoch bald zeigte, wurde sie für die letzten drei Häuserreihen 1945 modifiziert. Zudem wurden diese nicht so streng parallel wie die ersten, sondern leicht versetzt angeordnet, was für ein aufgelockertes Gesamtbild sorgt. «Die Siedlung Zelgli ist zwar kein architektonisches Highlight, aber städtebaulich und denkmalpflegerisch ein wichtiges En­sem­ble», sagt denn auch Fellmann.

Neue Aufmerksamkeit erhielt die Siedlung durch die dringend nötige Sanierung in den 1990er-Jahren. Der Winterthurer Architekt Beat Rothen wertete die Häuser damals «durch einen simplen und raffinierten Kunstgriff» auf: Er hängte den Häuserzeilen eine neue Wohnschicht von drei Metern Tiefe an. Diese gestaltete er mit Eternitplatten, einfacher Farbgebung und kleinen Fenstern bewusst simpel. So konnten pro Wohnung 40 Quadratmeter Wohnfläche dazugewonnen werden. Rothen habe quasi «an den alten Häusern weitergebaut», sagt Fellmann. Das Neue hebe sich zwar vom Alten ab, weil unterschiedliche Materialien und Proportionen gewählt wurden, es finde aber «kein modernistisches Feuerwerk» statt. Diese zurückhaltende, aber doch eigenständige Lösung trug ihm 2001 den Zürcher Architekturpreis ein.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch