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Ein kultivierter König

Der Pianist Klaus Koenig gastiert am Freitag mit ­seinem Trio in der Esse. Im Gespräch bekennt er sich zu seinen musikalischen Vorlieben und verrät, dass er nicht vor Kitsch gefeit ist.

Mitten im Gespräch fällt der Satz: «Ohne Musik wäre ich ein Sträfling.» Zu diesem Zeitpunkt war allerdings längst nicht mehr daran zu zweifeln, dass Klaus Koenig ohne Musik verzweifeln würde. Als Pianist war Koenig über viele Jahre hinweg ausser Gefecht gesetzt: Im Alter von 61 Jahren brach bei ihm 1997 eine Dystonie aus, die die feinmotorische Steuerung gewisser Finger verunmöglichte. Dass er seit Ende 2012 wieder auftreten kann, ist als Triumph eines starken Willens zu bezeichnen: Koenig suchte Rat bei führenden Therapeuten und gab nie auf. Den Jazz, den er mit 17 beim Radiohören entdeckte, eignete Koenig sich autodidaktisch an, um schliesslich ab 1964 mit dem Jazz Live Trio zu einer der zen­tralen Figuren der Szene zu werden; mit dieser Gruppe trat er bis 1983 bei 111 Konzerten des Schweizer Radios mit unzähligen Koryphäen auf; auf 13 CDs des Labels TCB sind sie dokumentiert. Nun ist Koenig, der in der niedersächsischen Provinz in Stadtoldendorf aufwuchs und 1962 als Tonmeister zum Schweizer Radio nach Zürich kam, auch ein passionierter Musikhörer, der mit viel Enthusiasmus über seine Vorlieben zu berichten weiss. Dass er damit bei Bach und Mozart anfängt, ist alles andere als ein Zufall, schliesslich wuchs er mit klassischer Musik auf und genoss bis 25 klassischen Klavierunterricht. Von Mozarts Oper «Le nozze di Figaro» hat Koenig die 1968 erstmals veröffentlichte Version mit dem Dirigenten Karl Böhm ins Herz geschlossen: «Edith Mathis als Susanna, das gibt es nicht noch mal! Und Dietrich Fischer-Dieskau als Graf Almaviva ist unersetzlich!» Lange und kurze Ohren Für Koenig steht ausser Frage, dass die drei Opern, die Mozart mit dem Librettisten Lorenzo da Ponte schuf, den Höhepunkt der Opernliteratur darstellen. Wenn es um Klavierkonzerte geht, steht ebenfalls Mozart zuoberst. In diesem Zusammenhang erinnert ­Koenig an Mozarts Vater, der seinem Sohn einschärfte, er müsse beim Komponieren auch an die Leute mit kurzen Ohren denken. «So entstanden Konzerte, die sowohl die Massen als auch die Kenner zu begeistern vermögen», lautet Koenigs Fazit. Kommt die Rede auf Bach, darf auch bei Koenig Beethovens Bonmot nicht fehlen, wonach Bach eigentlich Meer heissen müsste; seine h-Moll-Messe zählt zu ­Koenigs absoluten Lieblingswerken, am liebsten in der Einspielung Thomas Hengelbrocks. Von Brahms schätzt er vor allem die Bearbeitungen der deutschen Volkslieder. Volksmusik hat es Koenig noch in anderen Formen angetan. So staunt er etwa darüber, mit welcher Selbstverständlichkeit man auf dem Balkan die kompliziertesten Rhythmen aus dem Ärmel schüttelt oder wie fremd die Harmonik des traditionellen sizilianischen Gesangs in unseren Ohren klingt. Auch der Folk von Joan Baez und Bob Dylan berührt ihn. Und nun legt er ein Bekenntnis zum Kitsch ab: Den Titelsong des Musicals «Evita» hält er für ein «Jahrhundertstück» und Barbra Streisand für eine «Jahrhunderterscheinung», wobei er vor allem die Musik zum Film «Yentl» im Sinn hat. Heilsame Standards Für Koenig ist Miles Davis «der Grösste im Modern Jazz»: «Mit seinem Quintett hat er in den 60er-Jahren den Jazz gewissermassen ausgehebelt, um dann mit dem Rock-Jazz nochmals etwas vollkommen Neues zu inszenieren.» Zu jenem Quintett gehörte der Pianist Herbie Hancock, den Koenig zu den zwei noch lebenden Jazzgenies zählt; der Zweite ist Keith Jarrett, also ein Pianist, der ebenfalls mit Davis spielte. Die Standards-Aufnahmen, die Jarrett ab 1983 mit Gary Peacock und Jack DeJohnette machte, hatten für Koenig beinahe eine therapeutische Wirkung: «Nach einem mühsamen Arbeitstag konnte es vorkommen, dass ich alleine im Studio blieb und eine dieser Aufnahmen auflegte. Da konnte ich dann endlich wieder frei atmen.» Tom Gsteiger Jazz Live Trio: Freitag, 23.1., 20.15 Uhr, Esse, Rudolfstrasse 4. –Am 23. April tritt Klaus Koenig zudem mit seinem Quintett Seven Things in der Esse auf.

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