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Ein Leben im Dienst der Musik

Mit der zu Ende gehenden Konzertsaison ist die Zeit gekommen, Rita Wolfensberger als langjährige Mitarbeiterin des «Landboten» zu verabschieden und ihr zu danken für ihre unzählbaren Einsätze. Dabei ist «langjährig» eine Untertreibung. Auch sie selber kann nicht mehr genau sagen, wann ihr erster Artikel im «Landboten» erschienen ist. Beim Blättern in den alten Zeitungen stösst man etwa – Spanien erwachte damals gerade «aus dreissigjähriger Erstarrung», das Neumarkt-Kino machte Werbung für den Aufklärungsfilm «Helga und Michael» und die «Winterthur Unfall» suchte eine «tüchtige Stenodaktylo» – am 7. Dezember 1968 auf ihre Besprechung eines Freikonzerts, «in dem nicht alle Gefahren im heiklen Zusammenspiel völlig gebannt werden konnten». Ihre erste und einzige Zeitung war der «Landbote» nicht, auch in Luzern und in Schaffhausen wurden ihre Konzertberichte gelesen. In Schaffhausen lebt die ebenso liebenswürdige wie energische 86-jährige Dame ­– sie nennt ihr Alter nicht ohne Stolz und kann heute ihren 86. Geburtstag feiern – schon die meiste Zeit ihres Lebens. Lebt in einer kleinen Wohnung eines Reihenhauses zwischen Regalen, Büchern, CDs, Schallplatten, Archivschachteln und -ordnern.

Gar so genial wie die Erfindung des Rades war diejenige des Bundesordners wohl nicht. Und dennoch: Man kann sich heutzutage kein Büro, keine Praxis, kein Archiv, ja sogar kaum eine Privatwohnung mehr vorstellen, in denen keine solche Behälter von Papieren – zum Teil in hundertfacher Anzahl – stehen und ganze Wände gleichsam ‹tapezieren›.» – Man würde nicht vermuten, dass Rita Wolfensberger diese Sätze geschrieben hat – musikinteressierte Leserinnen und Leser dieser Zeitung dürften leicht ein einseitiges Bild «ihrer» Konzertrezensentin haben. Ihr Feld war zwar auch hier weit, aber doch klar das, was man «klassische Musik» nennt, vom Barock bis in die Gegenwart. Das Saisonprogramm des Musikkollegiums, die Chorkonzerte, Kammermusik im Alten Stadthaus, in den Quartierkirchen und vieles mehr bestimmten ihre Agenda mit. Aber wie die Sätze über den «Bundesordner» zeigen, liess sie sich auch auf andere Kulturbereiche ein und begleitete etwa in Schaffhausen auch Theaterprogramme vom Kabarett bis zum Schauspiel. Also fragen wir, wie viele Bundesordner die Wände in Rita Wolfensbergers Wohnung «tapezieren». Es müssen viele Tausend Artikel sein, die sie meist zu nächtlicher Stunde in die Schreibmaschine, später in den Computer getippt hat – als die Zeitung die Abteilung Texterfassung schloss und von ihren Korrespondenten die elektronische Zustellung ihrer Arbeiten erwartete, war Rita Wolfensberger über das normale Pensionsalter schon weit hinaus, aber schnell bereit, ihre wohlformulierten Sätze dem neuen System anzuvertrauen und pünktlich zu übermitteln. Ordner mit ihren Artikeln, Ordner mit Konzertprogrammen, Schachteln mit broschierten oder gebundenen Publikationen: Rita Wolfensberger greift in dieses und jenem Gestell auf der Suche nach den Anfängen. Doch eine «tapezierte Wand», eine Festung der Erinnerung ist bei Rita Wolfensberger nicht zu finden. Die Frage drängt sich auf, ob ihr die Erinnerungen überhaupt wichtig seien. Ihre Antwort kommt bestimmt: «Wichtig nicht, aber wertvoll.» Und sie fügt bei, das sie auf diese Unterscheidung Wert lege. Ihr Thema ist dann schnell ein ganz anderes: die deutsche Sprache, die sie liebt, weil sie so wunderbar alles zu sagen erlaube. Schreiben sei ihr von Kind auf ein Bedürfnis gewesen, genauso wie das Klavierspiel, das sie zum Beruf machte. Früh war ihr klar, dass sie einen kreativen Beruf ergreifen wollte, Komponistin wäre der Traum gewesen, als mit Kammermusikpartnern konzertierende Pianistin, als Klavierpädagogin und Musikschriftstellerin hat sie ihn realisiert. Und man merkt, auch wenn Alter und Gesundheit grosse Einschränkungen mit sich bringen, sie lebt noch ganz in dieser Realität. Auf Konzertbesuche verzichtet sie auch heute nicht, auch wenn sie beschwerlich geworden sind. Die Gegenwart, das spürt man, ist Rita Wolfensberger wichtiger als ihre Vergangenheit. Zwar ist der Vorratskeller das Zen­trum ihrer Wohnung, aber nicht wegen der Vorräte! Hier stehen ein Flügel und ein Klavier. Umgebaut und eingerichtet als Musikzimmer, erlaubt das massive Gewölbe der Pianistin und Klavierlehrerin zu üben und zu unterrichten, ohne die Musikliebe der Nachbarschaft zu strapazieren. Noch gibt es auch einige ältere Schüler, mit denen sie zum Beispiel an Mozart-Konzerten arbeitet, sie am Flügel für das Orchester zuständig, die Partnerin am Klavier für den Solopart. Es gehe bei diesen «Schülern» nicht mehr darum, Fortschritte zu machen, sondern den Kontakt zur Musik wachzuhalten und lebendig zu erhalten, sagt sie, und gewiss gilt das auch für sie selber.

Alte Glanzzeiten mögen ihr da durch den Kopf gehen. Die Studienjahre am Konservatorium Winterthur und da auch viele Konzertbesuche noch zu Scherchen-Zeiten, das Weiterstudium bis zum DiplÔme de Virtuosité an der Ecole Normale de Musique de Paris, dann der Aufenthalt in Rom zur weiteren Perfektionierung beim berühmten Guido Agosti an der Academia di Santa Cecilia. Ein Leben in der Musik und für die Musik total muss es gewesen sein: Grossen Eindruck macht ihr in Paris die erste Begegnung mit Herbert von Karajan, in Rom die Begegnung mit Nino Rota, von dem sie ein Klavierstück uraufführte. Sie konzertierte hier mit dem Trio Klemm, das der damals in Rom lebende Winterthurer Flötist Conrad Klemm gegründet hatte. Zurück in der Schweiz, folgte mit der Geigerin Marlis Moser und der Cellistin Klara Tanner-Egyedi die Gründung des Trios Montawo, von dem es bei Jecklin auch eine Schallplatte gab. Mit ihrer Schwester, die Geigerin war, trat sie im Duo auf. Damals aktivierte sie auch ihre Neigung zum Schreiben. Musikalische Kompetenz und sprachliche Gewandtheit machten ihr den Einstieg in den Journalismus leicht. Eigene Musikererfahrung und ein uneitler Charakter prägten ihre Kunst, «vorhandene Stärken auf angemessene Weise hervorzuheben und allfällige Schwächen auf subtile, jedoch nie herabwürdigende oder gar verletzende Weise zu orten», wie es in einer Würdigung hiess.

Konzertberichterstattung war nicht ihre ausschliessliche musikjournalistische Arbeit, die bedeutendste vielleicht ihr Buch über die grosse Pianistin Clara Haskil, das mehrere Auflagen erreichte. Ein «Besessene im guten Sinn des Wortes» ist Rita Wolfensberger auch schon genannt worden, eine «Vollblutmusikerin», eine «Begeisterte mit dem inneren Auftrag, Begeisterung mit anderen zu teilen». Nicht nur ihre unermüdliche Rezensententätigkeit belegt dieses Urteil, sondern auch das vielfältige weitere Engagement im Dienst der Musik. Sie gab Klavierunterricht und engagierte sich im Schweizerischen Musikpädagogischen Verband auf lokaler und nationaler Ebene, dazu in diversen weiteren Expertengremien. Ihre Arbeitskraft schien kaum Grenzen zu kennen. In all den Jahren unserer Zusammenarbeit, die nun auch schon über 25 Jahre geht, war Rita Wolfensberger auch stets für spontane Aufträge zu haben – musikalisch konnte alles ihr Interesse wecken, die volle Agenda war das einzige Hindernis. «Ich muss meine Agenda holen» – wer etwas von ihr wollte, konnte auf diesen Einwurf zählen und musste diesen einen kürzeren oder längeren Moment am Telefon warten. Das war auch so, als ich sie jetzt um ein Treffen bat, und es ist ihr zu wünschen, dass sie ihre Agenda noch mit vielen, vielen Einträgen füllen kann.

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