Zum Hauptinhalt springen

Ein Märchen im digitalen Zeitalter

Das Stück «Next Level» zeigt eine mögliche Zukunft und parodiert dabei bitterböse die Gegenwart. Eine Uraufführung im Kellertheater als Odyssee durch die wirkliche und unwirkliche Welt.

«In naher Zukunft existieren keine Staaten mehr. Die Welt wird von globalen Finanzkonzernen regiert. Es gibt keine politische Macht mehr. Es gibt nur noch Markt- und Finanzinteressen.» – So beginnt das Stück «Next Level», das die Geschichte eines Familienunternehmens in dieser neuen Welt erzählt. Am Samstag feierte das Stück im Kellertheater Winterthur die Uraufführung. Die Vision hat etwas Beängstigendes: Fünf Finanzkonzerne haben den Planeten unter sich aufgeteilt. Die Bevölkerung ist grösstenteils verarmt und lebt in Slums. Es gibt eine kleine Mittelschicht und eine noch kleinere Oberschicht, die in bewachten Siedlungen lebt. Zur Mittelschicht gehören die Prot­ago­nis­ten des Stücks: die Jugendliche Juni und ihre Eltern. Mit ihrer gespielten Reality-TV-Show verdienen sie sich ihren Lebensunterhalt. Ein teuflischer Plan Das geordnete Leben der Familie ändert sich jedoch schlagartig, als plötzlich die Sicherheitsleute des für den Distrikt zuständigen Finanzkonzerns auftauchen und den Vater entführen. Juni und ihre Mutter machen sich auf, um ihn zu retten. Was in den nächsten sechzig Minuten folgt, ist eine Odyssee durch die virtuelle und reale Welt bis ins Herz des übermächtigen Finanzkonzerns. Das Stück «Next Level» unter der Regie von Dirk Vittinghoff folgt eigentlich der Form eines klassischen Märchens. Doch es spielt gleichzeitig damit. Es gibt eine Heldin und einen Bösewicht, es gibt eine Mission und verschiedene Hürden. Wie in einem Computerspiel bewältigt Juni einen Stolperstein nach dem anderen und schafft es so immer ins nächste Level, bis sie schlussendlich auf den «Big Boss», den Endgegner, trifft. Schnell ist für das Publikum klar: Hinter der Entführung steckte ein diabolischer Plan. Doch bis zum Schluss bleibt offen, wessen Plan es letztendlich war. Genau so wie das Stück mit klassischen Erzählstrukturen spielt, so experimentiert es mit Theaterstrukturen. Die Schauspieler Armin Kopp, Philippe Nauer und Priska Praxmarer spielen gleichzeitig ihre Rollen, fungieren als Puppenführer und bringen sich als Erzähler immer wieder kommentierend in das Stück ein und stellen die Handlung in Frage. Das Trio arbeitet mit verschiedenen Theaterstilen und -formen. Sprechtheater, Puppentheater, Trash-Sequenzen und Videoausschnitte lösen einander ab, überschneiden sich oder gehen in- einander über. Dadurch entstehen neue Eindrücke, Reize und Formen des Erzählens. So zum Beispiel, wenn Junis Weg durch die Slums auf einer Leinwand als Kette von Sequenzen aus alten B-Filmen gezeigt wird, die von den Schauspielern im Theater live mit neuem Dialog versehen werden. Viren, ganz plastisch Die Zukunftsvision von «Next Level» ist auch eine bitterböse Parodie auf die Gegenwart. Das Stück treibt die Entwicklungen des digitalen Zeitalters auf die Spitze und lässt Viren, Werbefenster und Chat-Rooms plastisch auf der Bühne auftreten. Gleichzeitig stellt es die gegenwärtige Gesellschaftsform in Frage, lässt den Kapitalismus und die Demokratie für gescheitert erklären und überlässt der jugendlichen Heldin die Entscheidung zwischen Freiheit oder Gerechtigkeit für die Menschheit. Denn beides zusammen gibt es nicht. «Next Level» ist ein Märchen im digitalen Zeitalter. Man gruselt sich, man lacht, man fiebert mit – und ist am Schluss unheimlich froh, dass alles nur Fiktion war. Next LevelKellertheater Winterthur, Vorstellungen bis 30. März. Am Sonntag, 23. März, anschliessend der Talk «Unter uns» mit Barbara B. Peter. www.kellertheater-winterthur.ch

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch