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Ein Marstheater auf Erden

Es würde mehrere Abende dauern, die über 200 Szenen zu spielen. Die Salzburger Festspiele haben das Anti-Kriegs-Epos «Die letzten Tage der Menschheit» von Karl Kraus auf 50 Szenen und vier Stunden eingedampft.

Am Ende kickt der Uniformierte die Plastiktüte mit den Überresten eines italienischen Soldaten mit dem Knie durch die Luft, prahlt mit seinen jüngsten Vergewaltigungen und Hinrichtungen. Es ist das Ende aller Menschlichkeit. Und ein passender Schluss für den jüngsten Versuch, das Anti-Kriegs-Epos «Die letzten Tage der Menschheit» von Karl Kraus zumindest in Teilen auf die Bühne zu bringen.

Die Salzburger Festspiele und Regisseur Georg Schmiedleitner haben es gewagt – und gewonnen. Die Premiere wurde auch dank überragender Schauspieler ein Erfolg. Die vierstündige Neuinszenierung, eine Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater, war auch eine Reverenz an das Gedenkjahr zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs. Schmiedleitner, der für den in Ungnade gefallenen Ex-Burgtheater-Intendanten Matthias Hartmann eingesprungen war, hat den Fehler vermieden, den Karl Kraus am meisten gefürchtet hat: das Epos zu einem «Szenenreigen» oder gar zu einer «Revue» zu verniedlichen.

Chlorreiche Kriege

Aus einem Guss fügen sich die rund 50 Szenen zu einem Bild der menschlichen Abgründe – gerade auch fern der Front. Dort feiern die Menschen mit den Sektgläsern in der Hand die von der Propaganda verbreiteten Triumphe, reden sich die Verhältnisse schön, pflegen mit ihren Phrasen («Die Russen und die Serben, die hauen wir in Scherben») den Feindeshass, sind Wissenschaftler stolz auf «chlorreiche Siege». Und die Blasmusik spielt fröhlich-schaurig dazu auf.

Kaiser Franz Joseph I. (Peter Matic) und Kaiser Wilhelm II. (Bernd Birkhahn) werden als eitel, naiv und überfordert demaskiert. Der österreichische Generalstabschef Conrad von Hötzendorf (Elisabeth Orth) tanzt auf einer Europakarte und sein einziger Gedanke gilt der Fotografin, die gleich ein Foto für die Epoche – oder war es nur die Zeitschrift «Die Woche»? – schiesst.

Der «Nörgler» (Dietmar König), das Alter Ego von Kraus, und der «Optimist» (Gregor Bloéb) liefern sich geschraubte Wortduelle über Grössenwahn und die Ausweglosigkeit aus der Kriegsspirale. «Man wird vergessen haben, dass man den Krieg verloren, vergessen haben, dass man ihn begonnen, vergessen, dass man ihn geführt hat. Dar­um wird er nicht aufhören», verzweifelt der «Nörgler».

Kraus hat das Stück zu einem guten Teil aus Heeresberichten, Zeitungen, Gerichtsurteilen und ähnlichen Dokumenten montiert – umso entlarvender sein Schreckensbild über die Dummheit der Menschen und die Gefahr, die von Sprache ausgeht.

Frau im Pelz

So bleibt Kraus aktuell. «In einigen Szenen genügte es, ein paar Worte zu ändern, und wir könnten sie heute spielen», sagt Schmiedleitner. «Vor allem, was die Manipulation über die Sprache, die euphemistischen Bemerkungen über Zustände in anderen Ländern angeht, die militärischen Ausdrücke und die Verrohung der Medien.» Eine der Hassfiguren ist die völlig distanzlose Kriegsreporterin Alice Schalek (Dörte Lyssewski), die ihren Lesern das Morden als sinnhaft verklärt. Eigentlich müsste sie einen Stahlhelm tragen, so weit an die Front wagt sie sich, aber eine Pelzmütze – ganz ladylike – tut es in ihrem Fall auch. Eigentlich hatte Kraus sein Stück wegen Unzumutbarkeit einem «Marstheater» zugedacht. In Salzburg wurde gerade aus der Zumutung ein Erfolg.

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