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Ein Mord aus Imponiergehabe

Der 24-Jährige, der auf einem Parkplatz in Volketswil seine Freundin erschossen hat, muss 16 Jahre ins Gefängnis. Gestern hat ihn das Obergericht wegen Mordes schuldig gesprochen. Das Motiv bleibt für das Gericht nicht nachvollziehbar – es ging um Machogehabe.

Seit 33 Jahren ist er in der Strafrechtspflege tätig. «Aber ich habe noch nie erlebt, dass jemand derart sinnlos getötet hat», sagte Oberrichter Peter Marti gestern bei der Urteilseröffnung.

Der Angeklagte, ein heute 24-jähriger Kosovare aus einer Zürcher Seegemeinde, hatte am Abend des 7. März 2009 auf einem Volkiland-Parkplatz in Volketswil seine Freundin erschossen. Vor dem Obergericht hatte der Angeklagte von einem Unfall gesprochen. Er habe mit der Waffe bloss angeben wollen. Die Patronen habe er aus dem Magazin entfernt. Wegen eines Defektes sei doch ein Schuss losgegangen.

DEr Zeitliche Ablauf

«Von einem Unfall kann keine Rede sein», kam indes das Obergericht zum Schluss. So spreche die zeitliche Komponente gegen eine solche Version. Zwischen 23.36 und 23.51 Uhr, dem Zeitpunkt zweier registrierter Telefonate, will der Angeklagte an einem Drive-in Essen bestellt, einen Parkplatz gesucht, die heissen Chicken Nuggets gegessen, mit der Freundin geredet und dann aus Langeweile etwas mit der Waffe herumgespielt haben. Dies alles in knapp 15 Minuten. «Das geht schlicht nicht auf.»

Das Nach-Tat-Verhalten

Nachdem der Schuss gefallen war, rief der Angeklagte seinen Bruder an. Die beiden trafen sich auf einem Parkplatz bei einer Kläranlage. Erst danach fuhr der Kosovare mit der stark blutenden jungen Frau ins Ustermer Spital. Dieser Umweg interpretierte insbesondere der Rechtsvertreter der Opferfamilie dahingehend, dass der 24-Jährige belastende Spuren – und anfänglich allenfalls gar die angeschossene Freundin – verschwinden lassen wollte. Der Verteidiger sprach indes von einer verwirrten Reaktion nach dem tragischen Unfall.

Auch wenn feststehe, dass das Leben der jungen Frau auch bei einer sofortigen Einlieferung ins Spital nicht mehr hätte gerettet werden können, wäre vom Angeklagten «zu erwarten gewesen, dass er als Erstes die Ambulanz verständigt oder ins Spital fährt», sagte Oberrichter Marti. In Stresssi­tua­tio­nen könne man zwar zu einem nicht adäquaten Verhalten neigen. Aber dass sich der 24-Jährige auf einem Parkplatz und nicht direkt beim Spital mit seinem Bruder getroffen habe, das spreche gegen die Unfalltheorie.

Das Aussageverhalten

Bei den ersten Einvernahmen hatte der Kosovare unterschiedlich ausgesagt – etwa dass zwei Kurden ihn und seine Freundin angegriffen und dann geschossen hätten oder, etwas später, dass er von einem Angreifer gezwungen worden sei, auf seine Freundin zu schiessen.

Das Obergericht sprach von pfannenfertigen, abenteuerlichen Geschichten. Diese habe der Angeklagte stets an die Ermittlungsfortschritte angepasst. Dass der Staatsanwalt von einer «Verlogenheit sondergleichen» gesprochen hatte, war für das Gericht nachvollziehbar: Auf die Aussagen des Angeklagten könne nicht abgestellt werden.

Die Waffe

Über den Verbleib der Waffe schweigt sich der 24-Jährige, der sich seit der Tatnacht vor fast vier Jahren in Haft befindet, noch immer aus. Sein Verteidiger begründete dies vor Obergericht neu mit der Angst um Familienmitglieder. Die Waffe, so die These, könnten der Bruder, die Schwester oder die Mutter des Angeklagten in der Tatnacht an sich genommen haben. Sein Mandant schweige, damit nun kein Familienmitglied der Beihilfe angeklagt und anschliessend ausgeschafft werde. Und dies nur, weil er einen Fehler, diesen Unfall, gemacht habe.

Diese Angst sei unbegründet, hielt dem das Obergericht entgegen. Dem Familienmitglied würde, wenn denn die für das Gericht überraschend neu vorgebrachte Version stimmen würde, bloss eine kleine Strafe drohen. Zudem handle es sich bei der Waffe um das einzig entlastende Beweismittel, führte Oberrichter Marti aus. Wenn sie einen Defekt aufwiese, würde dies die Unfalltheorie stützen. Familienangehörige würden deshalb die Waffe, die sie der Polizei auch anonym hätten zustellen können, nicht zurückhalten. Dies spreche ebenfalls gegen die Unfalltheorie.

Das MOtiv

Die Staatsanwaltschaft hatte als Motiv zunächst vorgebracht, dass dem Angeklagten die Freundin lästig geworden sei, weil sie sich an seinen anderen Freundinnen störte. Doch ein «Eliminationsmord» liess sich nicht nachweisen. Nun sprach die Staatsanwaltschaft nur noch von einer skrupellosen Tat aus absolut nichtigem Anlass. Diese Einschätzung stützte auch das Obergericht: «Die Tötung war völlig sinnlos und unverständlich.» Der 24-Jährige hatte seine Freundin gefragt, ob sie glaube, dass er töten könnte. Statt ihn in seiner Gangster- und Machorolle zu bestätigen, entgegnete sie bloss: «Vielleicht schon.» Da habe er aus Imponier- und Machogehabe den Beweis führen wollen, wozu er fähig sei, versuchte das Obergericht ein Motiv nachzuzeichnen.

Das Urteil

Wegen dieser «beispiellosen Geringschätzung menschlichen Lebens» verurteilte das Obergericht den Kosovaren wegen Mordes zu 16 Jahren Haft (danach dürfte er ausgewiesen werden). Das Bezirksgericht Uster hatte ihn vor einem Jahr nur wegen vorsätzlicher Tötung schuldig gesprochen (13,5 Jahre). Der Staatsanwalt hatte 20 Jahre gefordert, der Verteidiger wegen fahrlässiger Tötung 42 Monate.

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