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Ein Musiker im Gegenwind

Gerd Albrecht ist nach einer grossen Dirigentenkarriere 78-jährig in Berlin gestorben. In Zürich war er 1975–1980 Chef­dirigent der Tonhalle.

Gerd Albrechts Aufstieg begann früh und schnell. Mit 22 Jahren gewann der 1935 in Essen geborene Musiker den renommierten Dirigierwettbewerb in Besançon. Mit 27 Jahren wurde er in Lübeck Deutschlands damals jüngster Generalmusikdirektor. Danach folgten Leitungspositionen in Kassel, an der Deutschen Oper Berlin sowie 1975–1980 beim Tonhalle-Orchester Zürich. Seinen spektakulärsten, letztlich aber unglücklichen Karrieresprung erlebte Albrecht, als er 1991 auf einer Japan-Tournee von den Mitgliedern der Tschechischen Philharmonie spontan zum Chefdirigenten gewählt wurde. Der Entscheid für einen Deutschen galt als politische Sensation. «Ihr seid doch wahnsinnig», soll Albrecht zu den Musikern nach der Wahl gesagt haben. Er sollte im Hinblick auf die politischen Verhältnisse recht behalten, den Gegenwind bekam er bald zu spüren. Das Orchester teilte sich in Gegner und Befürworter. Auch in den Medien war die Entscheidung umstritten. Dem Festkonzert der Philharmonie zum 100. Gründungsjubiläum blieben der damalige Präsident Václav Havel und Ministerpräsident Václav Klaus demonstrativ fern. Vor dem Hintergrund der Grabenkämpfe und nationalistischen Töne entzog das Prager Kulturministerium 1996 Albrecht die künstlerische Kompetenz für das Orchester. Ende Januar gab der Dirigent seinen Rücktritt bekannt. Weitere Stationen führten Albrecht 1997 nach Japan zum Yomiuri Nippon Symphony Orchestra in Tokio und nach Dänemark zum Dänischen Radio-Sinfonieorchester Kopenhagen (2000–2004). Er dirigierte das Bundesjugendorchester und war bei Festivals, in Salzburg, Luzern und Edinburgh, zu Gast. Mehr als Dirigieren War Albrecht in Prag ohne sein Zutun zwischen die Fronten der Politik geraten, riskierte er als Musiker die Auseinandersetzung durchaus. Er engagierte sich für neue Musik, aber auch für ältere, aus seiner Sicht vernachlässigte Werke. Ein besonderes Augenmerk galt der Musikvermittlung an Kinder und Jugendliche, für die er sich Leonard Bernstein zum Vorbild nahm. Er schrieb Bücher und moderierte Konzerte für mehr als 50 TV-Produktionen und Filme. Zu seinem Vermächtnis gehört das «Klingende Museum» in Hamburg und Berlin, dessen Workshops schon Tausende Schulkinder besucht haben. Albrechts Einsatz für die zeitgenössische Musik und für die Wiederentdeckung vernachlässigter Bereiche prägte insbesondere seine Zeit an der Hamburgischen Staatsoper, deren musikalische Leitung er 1988 übernommen hatte. Zusammen mit dem Intendanten Peter Ruzicka brachte er viel gelobte Neuproduktionen auf die Bühne. Dazu gehörten etwa die Neuentdeckung von Franz Schrekers «Schatzgräber» und Uraufführungen etwa von Wolfgang Rihms «Eroberung von Mexiko» und Helmut Lachenmanns «Das Mädchen mit den Schwefelhölzern». Von seiner Zeit in Zürich bleiben etwa Aufführungen von Schönbergs «Gurreliedern», der «Troyens» und des «Requiems» von Berlioz oder von Boitos «Mephistophele» in Erinnerung. Zum Tonhalle-Chef war Albrecht als Nachfolger von Rudolf Kempe nach nur einem Konzert gewählt worden. Seine Amtszeit gestaltete sich dann allerdings konfliktreich. Zum einen waren seine anspruchsvollen und ungewohnten Programmkonzepte nicht einfach durchzusetzen, zum anderen gab es personelle Probleme vor allem in der Opernformation, die damals noch Teil des Tonhalle-Orchesters war. Dennoch zog Albrecht ein positives Fazit, als er anlässlich des Tonhalle-Jubiläums 1995 auf seine Zürcher Zeit zurückblickte: «Es waren für mich fruchtbare Jahre mit vielen Anstössen. Die Tonhalle hat einen wunderbaren Saal, im Orchester hatte es hervorragende Kräfte, Zürich ist eine schöne Stadt.» Jetzt ist es der Moment für Zürich, sich in diesem Sinn an Gerd Al­brechts Wirken zu erinnern. (sda / hb)

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