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Ein neues Zuhause in Winterthur

Seit Ausbruch des Krieges in Syrien vor knapp vier Jahren sind um die 9000 Personen in die Schweiz eingereist. So auch Familie Radia, die es nach Töss verschlug.

Mit dem Flugzeug aus Jordanien und einem Visum für medizinische Behandlung kam die Syrerin Mnal Radia in die Schweiz. Sie musste dringend in ärztliche Behandlung, erkrankt an Brustkrebs, gab es in ihrer Heimat weder Medikamente noch Therapie. Sie ist dankbar für die Behandlung im Universitätsspital Zürich.

Nach ihrer Einreise kam sie zuerst nach Basel in ein Auffanglager nahe der französischen Grenze, später im Asylheim Volketswil, lebt sie jetzt in Töss gleich neben der Kirche in einer Flüchtlingswohnung der Stadt Winterthur. «Ich bin mit einem Lächeln in der Schweiz empfangen worden», freut sich Mnal über ihr neues, temporäres Zuhause. Ihre beiden Kinder, der 13-jährige Samir und die 11-jährige Maria, reisten später alleine in die Schweiz. Ihr Vater ist noch immer in Syrien. Die Hoffnung, er könne eines Tages in die Schweiz einreisen, hat Mnal Radia fast verloren.

An diesem Nachmittag sind ihr Bruder, dessen Frau und ein zweiter Bruder zu Besuch. Man setzt sich zusammen auf die Couch. Arbeiten, nein, arbeiten, das dürfen sie mit ihrer temporären Aufenthaltsbewilligung nicht in der Schweiz. Auch wenn sie das alle gerne würden. Mit der vorläufigen Aufnahme ist die Familie nicht nur in der Arbeit stark eingeschränkt. Weihnachtsfeiern bei Verwandten in Süddeutschland, die ebenfalls vor dem Krieg flüchteten, sind unmöglich. Auch wenn alle in Europa angekommen sind, bauen sich die Grenzen weiter ­unüberwindbar auf.

Der ältere Bruder von Mnal, Mourhaf Raadyeh, lebt schon länger in der Schweiz, lange bevor der Krieg ausgebrochen ist. Als Einziger der Familie besitzt er eine Arbeitserlaubnis und übersetzt das Arabisch auf Deutsch. Er holte seine Schwester in die Schweiz, als der Bund für wenige Monate im Herbst 2013 eine Sonderaktion startete für Syrer, die bereits Familienangehörige in der Schweiz hatten. Die Forderung von Nationalrat Balthasar Glättli, 100 000 syrische Flüchtlinge in der Schweiz aufzunehmen, stösst bei der Familie auf grosse Hoffnung. «Doch werden diese Menschen jetzt auch wirklich aufgenommen?» Diese Frage müsste dem Gesamtbundesrat in Bern gestellt werden, denn die Landesregierung entscheidet über grössere Flüchtlingskontingente.

Seit fast vier Jahren tobt der Bürgerkrieg in Syrien, vier Jahre mit 200 000 Toten und 6 Millionen Menschen auf der Flucht. Mnal erinnert sich an den Kriegsbeginn: «Ich habe mit meinen Kindern die Nächte im Badezimmer verbracht, weil ich dachte, dass wir dort an einem sicheren Ort wären.» Keine 20 Meter vom Haus entfernt, in einem Vorort von Damaskus, detonierten die Bomben des Präsidenten Assad. Noch heute schreckt der 13-jährige Samir jede Nacht aus dem Schlaf. Traumatisierte Kinder, zu Tausenden leben sie in Flüchtlingslagern im benachbarten Libanon, in der Türkei und Jordanien.

Auch vor dem Bürgerkrieg war Syrien kein ungefährliches Land. Wer sich kritisch äusserte, wurde vom Geheimdienst verfolgt. «Der syrische Geheimdienst ist überall. Der syrische Geheimdienst ist auch hier in der Schweiz.» Davon ist die Familie überzeugt. Mnals Mann wurde während des Bürgerkrieges von Regierungstruppen für eineinhalb Monate festgehalten. «Zum Glück ist mein Mann Ägypter. Nur deswegen ist er freigekommen», davon ist Mnal Radia überzeugt. Nach einem Expertenbericht von Anfang des letzten Jahres fand der UNO-Hochkommissar für Menschenrechte deutliche Worte, indem er die Regierung Assads und Rebellen der systematischen Folterung von Gefangenen bezichtigte. In staatlicher Gefangenschaft seien über 11 000 Menschen umgekommen. Ehemalige Gefangene sagten aus, ihnen seien Zehennägel herausgezogen, Frauen vergewaltigt und «zahnlos geprügelt» worden.

Nicht nur Assads Bomben bedrohten das Leben der Familie, als Teil der christlichen Minderheit in Syrien gehören sie zu den ersten Zielen des Islamischen Staates. Für sie sind die Christen «Kuffar» – auf Deutsch übersetzt «Ungläubige» – und hätten kein Recht auf Leben. «In einem Krieg gibt es kein Gut und kein Böse. Es gibt nur Böses», fasst Mnal Radia das Grauen zusammen. Zurzeit ist Winter in Syrien, in der Nacht sinken die Temperaturen in den Minusbereich. «Dreizehn Kinder sind in der Strasse, in der wir wohnten, erfroren.» Kinder liegen der ehemaligen Musiklehrerin sehr am Herzen. In friedlichen Tagen in Syrien unterrichtete sie an einer Musikschule. Zwischenzeitlich besetzte das Militär die Klassenzimmer. «Heute leben die Kinder in Syrien in einem Gefängnis. Sie können nirgendwo hin. Es ist überall zu gefährlich.» Wenn die Kinder in Syrien noch ein Zuhause haben, denn von den Flüchtlingen sind laut der UNO 2,9 Millionen noch keine 18 Jahre alt. Maria und Samir schütteln den Kopf. Nein, sie wollen nicht nach Syrien zurückkehren. «Die Kinder haben zu viel gesehen», erklärt ihre Mutter Mnal. Sie selbst würde gerne wieder «in das Syrien von einst» nach Hause. Luzia Tschirky

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