Zum Hauptinhalt springen

Ein Ozean zwischen den Welten

Frauen gehen in islamisch regierten Ländern auf die Strasse – und Dina Nayeri liefert im Roman «Ein Teelöffel Land und Meer» die Geschichte dazu.

Der Schleier ist ein bestimmendes Element des Romans. Er verdeckt nicht nur die Reize der Frauen im postrevolutionären Iran, er hängt auch über den Erinnerungen von der elfjährigen Saba. Sie hat in den Revolutionswirren der 1980er-Jahre Mutter und Zwillingsschwester verloren. Die Schwester Mahtab sei ertrunken, heisst es, und die Mutter sei beim Versuch, das Land zu verlassen, festgenommen worden. Doch in Sabas Erinnerung haben sich die beiden ihren Traum erfüllt: den Sprung nach Amerika. Der Roman der Exiliranerin Dina Nayeri ist erfüllt von Erzählfreude, von Was-wäre-wenn-Geschichten.

Das passt zum Werdegang der Autorin: Sie floh als Kind mit ihrer Familie aus Persien, als die Islamisten die Macht übernahmen – und jetzt schreibt sie in ihrem Debütroman über ein Mädchen, das im Land geblieben ist und dar­über fantasiert, wie es ihrer Zwillingsschwester in den USA ergeht. Geschickt verwebt Nayeri die verschiedenen Erzählstränge: Sabas Vater, reicher Grossgrundbesitzer, ist Christ und von ständiger Verfolgung bedroht, Sabas Mutter war eine emanzipierte Frau und den neuen Herrschern ein Dorn im Auge. Saba selbst liebt einen Jungen aus dem Dorf, doch sie heiratet schliesslich mehr oder weniger gezwungen einen sehr viel älteren Mann aus ihrer Schicht.

Sabas Sehnsucht nach Amerika bildet den Grundton. Illegal besorgt sie sich jede Menge Filme, Bücher und vor allem Musik aus dem gelobten Land. Gefahr droht jederzeit von der Sittenpolizei. Vor allem unverheiratete Frauen sind ihrer Willkür ausgeliefert. Ein Grund findet sich immer: Der Tschador sitzt zu tief, die Augen sind zu sehr geschminkt oder Stöckelschuhe spitzen unter dem Umhang hervor und lassen eine schamlose Gesinnung vermuten. Dann wird geprügelt – und im schlimmsten Fall droht der Tod durch Erhängen.

Der Roman ist nicht zuletzt eine Hommage an die arabische Erzählfreude, an die Tradition von Tausendundeiner Nacht, in der Wahrheit und Fantasie ineinanderfliessen. «Es spielt keine Rolle, wo etwas geschieht, solange es geschieht», sagt die Ersatzgrossmutter zu Saba und bestärkt sie, weiterhin Geschichten über ihre Zwillingsschwester zu erfinden – die Wahrheit mit Joghurt zu beschmieren, wie Nayeri es nennt.

Bleibt nur noch eine Frage zu klären: Was hat es mit dem Teelöffel im Titel auf sich? Es ist eine kindliche Messeinheit. Wie viele Teelöffel Meer muss man schöpfen, um trockenen Fusses vom Iran in die USA zu kommen? Die Antwort macht deutlich, wie gross der Abstand zwischen diesen Welten ist.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch