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Ein quicklebendiges und liebenswürdiges Phantom der Oper

Überlebt bis heute hat nur der Titel: «La dame blanche». Aber jetzt ist der einstige Opernhit wieder auferstanden und präsentiert sich quicklebendig.

Wir haben es mit einem Gespenst zu tun – in zweifacher Hinsicht: Die romantische Geschichte handelt von einem Schlossgespenst, eben der Weissen Dame, die über dem Schloss der Avanels wacht und sich in Zeiten der Gefahr bemerkbar macht. Dank ihr kommt es in der Opéra comique von François Arien Boiledieu (1775– 1834) zum klassischen, rührenden Komödienfinale mit dem jungen Avanel (Tenor!), den das Schicksal wieder zurück auf den Sitz seiner Ahnen und zu seiner Gefährtin aus Jugendtagen, der Waise Anna (Sopran!), führt.

Die einst gefeierte, viel gespielte und von den Komponistenkollegen bis zu Richard Wagner hoch gerühmte Oper ist, und das ist die andere Gespenstergeschichte, von der Opernbühne so gut wie verschwunden und geistert durchs Opernlexikon. Sie teilt das Schicksal mit anderen Werken des Genres, das so leichte wie ­seriöse Musik mit gesprochenen Dialogen kombiniert.

In der Opernhandlung der «Weissen Dame» erweist sich die Geisterscheinung, wenn der Schleier fällt, als die strahlend junge Anna – und so kommt es einem nun auch im Rigiblick vor, wo die Free Opera Company den Schleier über der Phantom-Oper wegzieht: glänzende Musik, witzige Szenen, berührende Momente, eine Inszenierung voller Ideen und Spielfreude.

Eine Entdeckung

Der intime Rahmen im Rigiblick lässt zudem das Publikum gleichsam familiär am Können und Engagement des jungen Teams teilnehmen. Dieses bietet Jahr für Jahr Opernentdeckungen, die bewährte Produktion mit dem Intendanten, Regisseur und Dramaturgen Bruno Rauch an der Spitze und mit einem solistisch besetzten Orchester der Chamber Aartists Chaarts unter der Leitung von Emmanuel Siffert: Sie legen kompetent und temperamentvoll den musikalischen Teppich aus, auf dem die Solisten brillieren.

Brillant zumal ist der der junge Franzose André Gass mit seinem geschmeidig leichten, aber kernigen Tenor, seiner sensiblen Musikalität und seiner darstellerischen Präsenz als galanter und kecker Offizier George Brown alias Julien d’Avanel, der ausgerechnet beim Schloss seiner Ahnen per Fallschirm vom Himmel fällt. Die Schweizer Sopranistin Annina Gieré steht ihm als ­anmutige und strahlende Anna würdig zur Seite.

Esprit auf Deutsch

Aus dem zwölfköpfigen En­sem­ble hebt die Inszenierung den Dorfrichter hervor, der zugleich als Spielleiter beziehungsweise Operateur einer Lichtspielvorstellung fungiert und als pfiffiger Schauspieler eine köstliche Figur abgibt. Mit ihr bricht die Inszenierung das Stück auf liebenswürdige Weise ironisch auf, und auf raffinierte Weise nutzt sie die Kinosi­tua­tion mit Aladin Hasics Video für das Bühnenbild.

Wie Bruno Rauch als Regisseur und Dramaturg die Inszenierung zwischen Witz und Sentiment in Balance hält, gehört zum Glück des Abends. Um seine Arbeit zu charakterisieren, die auch die Einrichtung des deutsch gesprochenen Dialogs und der Leinwandverse umfasst, gibt es kein besseres Wort als dasjenige, das den Umgang mit dieser eminent französischen Opernkunst im besten Fall auszeichnet: esprit. Dass er auch ein ebenso schön ­gestaltetes wie inhaltlich fundiertes Programmheft auflegt, zeugt ebenfalls für den Respekt und die Empathie, die hier einem liebenswürdigen Phantom der Operngeschichte entgegengebracht wird.

Herbert Büttiker

Weitere Aufführungen im Theater Rigiblick am 18., 21. und 22. Feb. sowie am 1., 6., 7. und 8. März.

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