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Ein Seil über dem Abgrund

Sie ist schön, sie ist anregend, sie lässt vieles offen: Ab heute wird im Landesmuseum die Ausstellung «1900–1914. Expedition ins Glück» gezeigt. Sie macht die Welt vor dem Grossen Krieg erfahrbar.

Kann man Geschichte, die uns heute noch immer unmittelbar angeht, in einer Ausstellung sichtbar machen? So sichtbar, dass ein heutiger Besucher sie zumindest teilweise begreift? Man kann es vermutlich, wenn man ein einzelnes Ereignis, einen Einzelaspekt her­ausgreift, der sich mehr oder weniger linear darstellen lässt. Einen ganzen Zeitabschnitt aber, der selbst doch nicht mehr als ein Ausschnitt ist und der sich als solcher überhaupt nur im Rückblick zeigt, wird man lediglich mit viel Andeutungskunst sowie exemplarischen Objekten und Objektkombinationen einigermassen darstellen können. Wenn man es so macht wie die beiden Gastkuratoren Juri Steiner und Stefan Zweifel und das Team vom Zürcher Landesmuseum, dann ist dieses «Einigermassen» sehr viel. Denn die neue Wechselausstellung bringt Zeit zum Sprechen. Sie tut einen weiten Assoziationsraum auf, führt in ein Spiegelkabinett voller Reflexionen und ist, was Ausstellungsarchitektur und -ästhetik betrifft, sehr, sehr schön. Wie schon bei anderer Gelegenheit bewährt sich der provisorische Pavillon im Museumshof als leuchtende Schatzkammer, in der die Jahre von 1900 bis 1914 in über 300 kulturhistorischen Objekten, hauseigenen und vielen Leihgaben, sinnfällig werden. Filmausschnitte lassen die an sich bewegte Schau noch bewegter wirken. Seltsame Begegnungen «Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch – ein Seil über einem Abgrunde.» Ein «Übergang» sei er «und ein Untergang». Diese und andere Worte aus Nietzsches «Also sprach Zarathustra» sind zu hören, bevor man den eigentlichen Ausstellungsraum betritt. Dort strahlt einem Nietzsches Büste in weissem Marmor entgegen; weiss, nur weniger strahlend, sind auch die vielen Elefantenstosszähne – eines von vielen Mitbringseln oder Trophäen der weissen Kolonialherren in Afrika – oder die Zwangsjacke aus der Waldau in benachbarten Vitrinen. Überhaupt finden in dieser Ausstellung die seltsamsten Dinge zueinander und bringen unter anderem zum Ausdruck, wie anregend die Wissenschaft mit ihren zu Beginn des 20. Jahrhunderts so zahlreichen Erfindungen und Entdeckungen für die Kunst war und wie belebend der Austausch zwischen den einzelnen Disziplinen. So kommen in einer einzigen Vitrine zusammen: das Vorlesungsmanuskript «Aether und Relativitätstheorie» von Albert Einstein, die Reinschrift einer Partitur von Arnold Schönberg, Farbiges von Augusto Giacometti, und über allem thronend ein Quecksilberdampfgleichrichter (er kann Wechsel- oder Drehstrom in Gleichstrom verwandeln), der dem Laien als kunstvoll-technische Version einer Spezialqualle oder eines arm­amputierten Oktopus erscheint. Dagegen nimmt sich der einsame, silberglänzende Staubsauger in seiner ­Vitrine geradezu einfach aus im Kontext dieses kaleidoskopartigen, «wilden Kon­glomerats» mit seinen «Splitterbomben des Wunderbaren» (Steiner/Zweifel). Doch auch diese etwas zu dick geratene Kanone auf Gummirädern verkörpert die Euphorie, die angesichts des «Siegeszugs der Maschinen» bei vielen aufkommt. Es wird, so liest man in der Legende, «nach dem Mann am Fliessband (…) auch die Hausfrau vom natürlichen ‹Mängelwesen› zum perfektionierten ‹Prothesengott›». Scheitern inbegriffen. Dem österreichischen Schneider Franz Reichelt nützte seine selbst- konstruierte «Prothese» nichts, als er sich 1912 vom Eiffelturm stürzte; der Testsprung endete tödlich. Andere waren da glücklicher, und selbst der Zeppelin hatte seine guten Jahre, sodass Fallschirmspringer und Zeppelin auch ihren Weg in die Kinderzimmer fanden. Ohne die Schatten der Zukunft? Die «Expedition ins Glück» ist eben bewusst eine sehr ambivalente Angelegenheit. Die Reisen führen ins Innere des Menschen, seelisch bei Sigmund Freud, körperlich dank Röntgenstrahlen. Sie befreien den Körper aus der Enge des Korsetts, lassen Luft und Licht an ihn heran. Andere Bewegungen wurden nun möglich, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne, und nicht nur auf dem Monte Verità gab man sich nackt und tanzte. Der Film machte Furore, schnelle Kameras zeigten nie Gesehenes, ­beides beeinflusste auch die Künstler, denen in dieser Ausstellung mit Hodler, Kirchner, Schiele, Klimt, Picasso und anderen eine wichtige Rolle zukommt. Die Reisen führen aber auch ins Ferne, Fremde, wo der Basler Antarktisforscher Xavier Mertz den Tod fand, und in Länder, wo die Kolonialherren das Sagen hatten und Tod über die einheimische Bevölkerung brachten. – Es fällt dem heutigen Besucher, der nicht einfach nur staunen will, aus der Erfahrung von Zeit und Geschichte letztlich schwer, die Jahre 1900 bis 1914, die tatsächlich von so viel Aufbruchstimmung, von Technikglauben und Globalisierung, Frauen- und Friedensbewegung geprägt waren, «ohne die langen Schatten der Zukunft» zu sehen (wie Philipp Blom es vorgeschlagen hat). Leicht zieht man Parallelen zu unserer Zeit. Und wird am Ende (auch am Ende der Ausstellung) doch vom ausbrechenden Krieg eingeholt. Und weil der Besucher sich in der Ausstellung mit ihrer subjektiven Fülle und Vielfalt durchaus verlieren kann, wird er immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen – und erschrickt.

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