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Ein Sieger macht nicht so viele Fehler

Die Schweiz hat ihr erstes Spiel unter Vladimir Petkovic verloren, weil sie gegen England klare Torchancen nicht nutzte. Und weil sie zu viele individuelle Fehler beging.

Die Begeisterung des Publikums war da für diesen ersten Match nach der WM, also seit dem Achtelfinal gegen Argentinien. Aber die Mannschaft nahm den Schwung nicht mit. Ihr Auftritt gegen England erinnerte schon an den WM-Match gegen Frankreich. Damals in Salvador wie am Montag in Basel spielte die Schweiz um Punkte gegen einen Gegner mit grösserem Namen, aber sie fühlte sich auf Augenhöhe. Aber sie wurde zurechtgewiesen, von den Franzosen mit einem 5:2, von den Engländern mit einem 2:0. In beiden Fällen von einem Gegner, der vor allem eines nicht machte: Die Schweiz zu wenig ernst zu nehmen – im Gegenteil. So viel zum Thema die Schweiz in der Favoritenrolle.

Die Leistung der Engländer war ordentlich bis gut, eben noch immer die eines Fussballlandes mit einiger Substanz. Aber sie war nicht besser als realistisch zu erwarten war. Die Schweizer dagegen waren im ersten Match unter Vladimir Petkovic eindeutig nicht so gut wie erhofft und wie es aufgrund ihrer individuellen Qualitäten auch möglich gewesen wäre. Herauszugreifen sind in der Analyse der ersten Niederlage Petkovics drei Punkte:

Individuelle Fehler. Wer so viele individuelle Patzer begeht wie die Schweizer an diesem Abend, der kann ein Spiel schwerlich gewinnen. Zweimal Steve von Bergen und mindestens zweimal Gökhan Inler leisteten sich Ballverluste, die zu Gegenattacken in Überzahl führten – und nach Inlers erstem Patzer zum grundsätzlich entscheidenden 0:1. Aber auch die Art wie Johan Djourou kurz vor der Pause nach einem Corner Wayne Rooneys ein Kopfballduell mit Phil Jones geradezu verweigerte, hätte ohne Yann Sommers Glanzparade schon zum 0:1 geführt.

Die Zahl der Eigenfehler war einfach zu hoch. Auf sie wies Petkovic in seiner Analyse zu Recht hin, als er sagte: «Wir haben uns in ein paar Si­tua­tio­nen selbst in Schwierigkeiten gebracht.»

Verpasste Chancen. Die Schweiz hat auch nicht gewonnen, am Ende gar verloren, weil sie die wenigen klaren Chancen, die sie ebenfalls hatte, nicht nutzte. Aus Gelegenheiten, wie sie Haris Seferovic nach einer halben Stunde und Josip Drmic nach 70 Minuten hatten, musste mindestens ein Tor fallen. Ein 1:0 hätte die Schweiz mutmasslich auf einen sichereren Pfad geführt, ein 1:1 wohl wenigstens die Niederlage verhindert. Weder das eine noch das andere passierte.

Die Systemfrage. Für Petkovic war die vor allem anfangs offensichtliche Nervosität, die durch die Fehler noch weiter gefördert wurde, der wesentliche Grund für die Schwierigkeiten. Keinesfalls System oder Taktik, also auch nicht seine Verschiebung von Ottmar Hitzfelds 4-2-3-1 zu einem 4-3-3, das einzuüben er nur die paar Tage vor dem Spiel hatte. Natürlich lassen individuelle Fehler, wie sie an diesem Abend Bergen, Inler und Djourou begingen, jegliche Diskussion zu Taktik oder System zur Makulatur werden.

Dennoch sei sie nach dieser Niederlage geführt. Die zwar personell nur auf zwei Feldspielerpositionen umbesetzte, aber eben doch in einem etwas andern System formierte «Argentinien-Elf» wirkte nicht so stilsicher wie gewünscht. Man ist geneigt zu sagen: Der neue Anzug war zwar nicht peinlich, aber er sass noch nicht richtig.

Granit Xhaka war gleichsam als dritter «Sechser» neben Valon Behrami und Inler weniger präsent, weniger im Spiel als in der Regel, wenn er im 4-2-3-1 offensiver gewirkt hatte. Xhaka spielte nicht schlecht, aber der Match lief doch ziemlich an ihm vorbei. Die defensivere Dreierreihe der Schweiz bekam die Kontrolle übers Spiel jedenfalls zu wenig. Es war insgesamt zu wenig System- und Stilsicherheit zu erkennen.

Es ist überhaupt zu fragen, war­um umgestellt wurde. Denn nun war Xherdan Shaqiri im neuen Dreimannsturm wieder der Rechtsaussen, nachdem an der WM alle sieben Schweizer Tore in jenen Phasen gefallen waren, in denen Shaqiri in zentraler Rolle gewirkt hatte. Gewiss, er war auch gegen England nach Drmics Einwechslung in der Mitte, nun aber nicht im Schatten einer Sturmspitze, sondern als «falscher Neuner». Das ging eindeutig weniger auf als das 4-2-3-1 mit einem zentralen Shaqiri in Hitzfelds Endphase. Dass die schwache Tagesform Mehmedis nicht hilfreich war, sei allerdings beigefügt.

Natürlich ist nur ein Spiel nicht der Zeitpunkt für abschliessende Urteile. Aber Fragen zum System stellen sich doch. Auch wenn Petkovic zu Recht sagt, diese Niederlage sei «kein Drama», zumal beim neuen Qualifikationsmodus, der auch dem Zweiten einen EM-Platz und dem Dritten eine Playoff-Chance einräumt. Aber es war eine verpasste Gelegenheit, mit einem Heimsieg gegen England gleich auf den richtigen Kurs nach Frankreich zu kommen.

Nur spielt die Schweiz im Oktober zweimal auswärts, in Slowenien und San Marino. Bis dahin erhält jeder Spieler eine Hausaufgabe: Jeder erhält ein Video von all seinen Ballkontakten; von jedem erwartet Petkovic dann in einem Gespräch das Feedback, wie er selbst das beurteilt. Derweil reiste Roy Hodgson aus der Schweiz, die einst seine zweite Heimat war, zurück in seine erste. Im Wissen, wie er es formulierte, «einen Schritt nach vorne» getan zu haben. Seine heimischen Kritiker sind jedenfalls fürs Erste ruhiggestellt. Hansjörg Schifferli

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