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Ein Spielverderber namens Reichelt

Der Österreicher Hannes Reichelt verhindert mit seinem Sieg einen Schweizer Vollerfolg am Lauberhorn. Mit Beat Feuz und Carlo Janka auf dem Podest sowie fünf weiteren Einheimischen unter den ersten zwölf ist der Heimauftritt dennoch geglückt.

Es ist fürwahr ein ungewohntes Bild. Da stehen gleich zwei Schweizer in der Leaderbox, doch unterschiedlicher könnten deren Gefühle kaum sein. Während bei Beat Feuz die Freude überwiegt, weil er nach seiner langen Leidenszeit wieder imstande ist, mit den Besten mitzuhalten, hadert Carlo Janka. Der Bündner, welcher nach seinem Erfolg in der Kombination zum Mitfavoriten auf den Sieg in der Abfahrt avancierte, bot den 24 000 Zuschauern an der Strecke in seiner rund zweieinhalb Minuten dauernden Fahrt emotionsmässig die ganze Palette: Nach rasantem Ritt über Hundschopf und Minschkante kam er ausgerechnet im Brüggli-S, welches er sonst wie kein Zweiter zu meistern versteht, ins Schlingern; nach der Zieleinfahrt stürzte er sogar. «Ich war beim Brüggli nahe am Ausfall und hatte Glück, dass ich weiterfahren konnte», meint Janka. «Der Gedanke, wonach mehr möglich gewesen wäre, bleibt aber.» Das Publikum jubelt dennoch, und es wird noch lauter, als sich Feuz mit zwei Hundertsteln Vorsprung auf Janka an die Spitze setzt. Er sei den Pistenarbeitern und den Zuschauern nach seinem enttäuschenden Auftritt in der Kombinationsabfahrt etwas schuldig gewesen, sagt der 27-Jährige – wieder bricht auf der Tribüne Jubel aus. Doch Feuz weiss, dass oben noch zwei ganz Schnelle warten: Kjetil Jansrud und Matthias Mayer. An die Schweizer kommen beide nicht heran; der Norweger sollte schliesslich Fünfter, der Österreicher gar nur 22. werden. Reichelt keine Überraschung Dennoch wird es nichts mit dem Doppelsieg. Und ausgerechnet ein Österreicher ist es, der die Rolle des Spielverderbers einnimmt. Obwohl Hannes Reichelt im Vorfeld nicht zu den Siegesanwärtern zählte, verdrängt er Feuz und Janka um einen Hauch auf die Ehrenplätze. Es wäre indes falsch, von einer Überraschung zu sprechen. In den letzten drei Jahren stand Reichelt in der Lauberhornabfahrt immer auf dem Podest – 2012 und 2014 jeweils als Zweiter hinter Feuz respektive Patrick Küng. Deshalb gehe sein Sieg doch wohl in Ordnung, rechtfertigt sich der 34-Jährige lächelnd ge­gen­über den einheimischen Journalisten. Wie Feuz (siehe unten) trat Reichelt nicht im Vollbesitz seiner Kräfte zur längsten Abfahrt der Welt an. Eine Erkältung hatte ihm im Vorfeld zu schaffen gemacht, deren Auswirkungen er auch im Rennen spürte. «Ich war bereits in Langentrejen müde, sonst kommen die ersten Ermüdungserscheinungen bei mir erst im Seilersboden.» Reichelts Sieg sorgt vor dem Klassiker in Kitzbühel für reichlich Entspannung. Denn nach Marcel Hirschers Ausfall im Slalom und den ansonsten dürftigen Leistungen der ÖSV-Athleten am Lauberhorn drohte den Gastgebern im Hinblick auf den für sie prestigeträchtigsten Event Ungemach. Wieder lächelt Reichelt, diesmal steht er vor der österreichischen Journalistenschar. Auf den Sieg angesprochen, erwidert er: «Das ist super für unsere Mannschaft, so habt ihr nix zum Lästern.» Starke Bilanz in Wengen Trotz Reichelt handelt es sich um einen aussergewöhnlich erfolgreichen Schweizer Auftritt. Mit Feuz, Janka, Patrick Küng (4.), Sandro Viletta (8.), Didier Défago (10.), Marc Gisin (11.) und Mauro Caviezel (12.) reihen sich sieben Einheimische in den Top 12 ein. Letztmals war eine Swiss-Ski-Equipe 1989 in Val Gardena mit einer solchen Breite an der Spitze vertreten. In Wengen gehören Spitzenresultate beinahe schon zum Alltag, seit 2009 haben die Schweizer allein in der Abfahrt vier Siege, zwei zweite und zwei dritte Plätze vorzuweisen. Die Vorzugsbehandlung sei sicher ein Vorteil, sagt Feuz. «Wir konnten heute bis um 8 Uhr schlafen, wurden eine Stunde später mit dem He­li­ko­pter zum Start geflogen.» Als die Schweizer erwachten, waren die anderen Fahrer bereits unterwegs – im Zug und damit auch im Gedränge. Die Tage in Wengen seien lang, hält Feuz fest. «Deshalb ist es hilfreich, kann man die Konzentration, die Aggressivität für das Rennen etwas später aufbauen.» Einen Podestplatz hatte Thomas Stauffer von seinen Athleten in Wengen gefordert. «Aber dass wir so gut fahren würden, hätte ich nicht gedacht.» Allerdings habe er stets betont, eine kompakte Mannschaft zu haben, hält der Cheftrainer fest. «Wir waren bisher einfach vier, fünf Ränge zu weit hinten platziert.» 6 Fahrer für 4 WM-Tickets Die starke Leistung hat auch Auswirkungen auf das Schweizer WM-Aufgebot: Sechs Fahrer haben die Qualifikationsnorm für die Abfahrt erfüllt, in Kitzbühel könnten sich weitere ein Ticket für Beaver Creek sichern. Allerdings stehen den Schweizern für die WM-Abfahrt nur vier Plätze zur Verfügung. «Lieber sechs als keiner», meint Stauffer, auf die bevorstehende Selektion angesprochen. Er erwarte nun von seinen Leuten, in Kitzbühel erneut schnell zu sein. An zwei Schweizer in der Leaderbox könnte er sich gewiss gewöhnen. Marco Oppliger Noch sind acht Rennen angesetzt, ehe der Tross Richtung WM dislozieren wird. Stand jetzt, haben 14 Athleten die von Swiss-Ski definierten WM-Selektionsnormen erreicht.

WM-Norm erfüllt, Männer: Gino Caviezel (Riesenslalom), Mauro Caviezel (Kombination), Didier Défago (Abfahrt und Super G), Beat Feuz (Abfahrt), Carlo Janka (Abfahrt, Super-G, Riesenslalom, Kombination), Patrick Küng (Abfahrt), Sandro Viletta (Abfahrt), Daniel Yule (Slalom), Silvan Zurbriggen (Abfahrt). – Frauen: Dominique Gisin (Abfahrt, Super-G, Riesenslalom), Michelle Gisin (Slalom), Lara Gut (Abfahrt, Super-G), Wendy Holdener (Slalom), Fabienne Suter (Abfahrt). WM-Norm zur Hälfte erfüllt, Männer: Luca Aerni (Slalom), Mauro Caviezel (Abfahrt), Marc Gisin (Abfahrt), Küng (Super-G), Justin Murisier (Riesenslalom), Thomas Tumler (Super-G), Viletta (Super-G), Ralph Weber (Abfahrt), Elia Zurbriggen (Riesenslalom), Silvan Zurbriggen (Kombination). – Frauen: Marianne Abderhalden (Abfahrt).

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