Zum Hauptinhalt springen

Ein Symbol für den Wandel im kirchlichen Leben

Das Kirchgemeindehaus Liebestrasse markierte vor 100 Jahren den Wandel von der Kanzelpredigt zur Gemeinschaftskirche. Ein Historiker schaut auf die Geschichte zurück.

«Die Einweihung des Kirchgemeindehauses war ein Riesenereignis, der Raum war proppenvoll», erzählt der Historiker Peter Niederhäuser. Er hat am Mittwochabend zum 100-Jahr-Jubiläum des Gebäudes über das geistige und kirchenpolitische Umfeld des Baus referiert. Zur Eröffnung des Gebäudes habe Hans Sträuli, damals Stadtpräsident und Präsident der Kirchgemeinde, eine Rede gehalten. Darin betonte er mit Verweis auf die Lage an der Liebestrasse, es solle ein «Wohlfahrtshaus im umfassendsten Sinne» sein. Dahinter steckte der Wunsch der Kirche, sich von der Kanzelpredigt abzuwenden und den kirchlichen Alltag auf eine gemeinschaftliche Ebene zu bringen. Fürsorge und Gemeinschaft Dieser Kurswechsel zeugte auch davon, dass sich die modernen Vertreter der Landeskirche gegen die Traditionalisten durchgesetzt hatten. So wurden moderate und sogar sozialdemokratische Pfarrer angestellt, die versuchten, «Menschen aus allen religiösen und politischen Richtungen zu sammeln, in gemeinsamer brüderlicher Aussprache die religiösen, kirchlichen, pädagogischen, sozialen Probleme (…) unter das Licht und Gericht des Evangeliums zu stellen». In den 50 Jahren davor war die Stadtbevölkerung von rund 5000 auf 25 000 Menschen gewachsen. Die Kirche wollte der Auflockerung der Familienbande in der Industriegesellschaft entgegenwirken. Sie förderte die Sonntagsschule zur religiösen Erziehung der Kinder und bewegte sich in Richtung Fürsorge und Gemeinschaft. Die Kirche wollte diskutieren statt belehren, Vorträge und Kurse veranstalten und den Sonntag zum kirchlichen Ruhe- und Gemeinschaftstag machen. Kirchlich, aber ohne Turm Mit dem neuen Programm stellte sich die reformierte Landeskirche den modernen Anforderungen – aber es fehlten geeignete Räumlichkeiten. Im Verlauf der Planung für ein neues Kirchengebäude nahm man die Idee eines Gemeinschaftszentrums auf, wie sie etwa schon im katholischen Vereinshaus an der Wart­strasse verwirklicht war, und man nannte es Kirchgemeindehaus. Dieses sollte zwar ein kirchliches Gebäude sein, aber ohne Glocken und Türme. In das Haus der Architekten Bridler und Völki wurden nachträglich eine Orgel und eine Suppenküche inte- griert. Nach der Eröffnung wurde es regelrecht überrannt: Neben kirchlichen Veranstaltungen fanden Vorträge und Konzerte statt, im Krieg wurde Essen verteilt. Das Haus wurde zum Vorzeigeobjekt und als Modell an der Landesausstellung 1914 in Bern ausgestellt. Der «Landbote» kam in seinem Bericht über die Eröffnung zum Schluss, dass es sich um einen «Markstein im kirchlichen Leben Winterthurs» handle.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch