Winterthur

Ein Traum, der Geist und Sinne verstört

Mit dem chinesischen Shooting Star Tianzuhuo Chen und seiner Show «GHOST» bringt Oliver Kielmayer ein Grenzen sprengendes Multimedia-Spektakel in die Kunsthalle. Ein Ereignis.

Tierhaut, symbolische Malerei und Geschöpfe aus Lehm in kaltem Neonlicht. Willkommen im Irrgarten der Fantasie.

Tierhaut, symbolische Malerei und Geschöpfe aus Lehm in kaltem Neonlicht. Willkommen im Irrgarten der Fantasie. Bild: Madeleine Schoder

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Das Ausstellungsprogramm der Kunsthalle stösst nicht bei allen auf enthusiastisches Verständnis. Das ist eher ein gutes Zeichen und spricht für den Leiter Oliver Kielmayer. Weil er den Betrachter das Fremde und Verunsichernde, das wesentlich zur Kunst gehört, sehr elementar wieder erleben lässt. Wie er die jüngste Multimedia-Phantasmagorie, eine Form von Theaterinszenierung, mit seinem bescheidenen Budget stemmt, bleibt sein Geheimnis. Mit dem erst 32-jährigen Gast Tianzuhuo Chen aus China ist Kielmayer jedenfalls ganz am Puls einer globalen Performance Avantgarde, für die keine Gattungsgrenzen gelten und die Museen und Galerien in ein Theater verwandelt – mit Live-Performance, Requisiten, Licht und Musik.Anlässlich der Kulturnacht war die Premiere von «GHOST». Wohl zu viel bemalte nackte Haut, zu viel Körperlichkeit und Provokation war das für einige. Doch diejenigen, die ausharrten, waren fasziniert von diesem Mysterien- und Vexierspiel dreier Performer. «Eine Art Gesamtkunstwerk», kommentierte eine Besucherin die Aufführung begeistert.

Wider den guten Geschmack

Tage später betritt man den ersten Saal und wähnt sich in einer Mischung aus Underground-Disco und mystischem Kultraum. Weisses Neonlicht strahlt kalt an den Wänden, wo auf Altargemälden gleich einer symbolischen Malerei das Männliche und Weibliche gefeiert wird. Tierhäute und Knochen begleiten den Betrachter auf seinem tastenden Gang entlang einer Holzkonstruktion, die ein inneres Sanktuarium ausgrenzt. Auf zwei Podesten wird mit dunklem Lehm nochmals die Schöpfung der Welt imitiert, während auf einem zentralen Altar einem Liebespaar in einer kommerziellen Kitschversion gehuldigt wird. Fische aus Beton und Gips bilden weitere Stationen. Sie stammen aus dem Versandkatalog und treiben den Besucher noch weiter in den Irrgarten von Chens unerschöpflichem Fantasiereservoir.

Auf den Holzstufen erinnern noch rote Pulverspuren, Blümchen und Gräser an die Premieren-Performance. Was wurde da in diesem Miniamphitheater dem Kitschpaar geopfert? – Ganz sicher der gute Geschmack und idealistische, normative Vorstellungen, was und wie Kunst zu sein hat. Nichts bleibt da mehr heilig, und im Sandkasten werden die letzten Tabus begraben.

Umarmung und Würgegriff

Im zweiten Saal stellt das dionysische Video «G.H.O.S.T» den Verstand auf eine weitere harte Probe. Lichtgeflacker und rockiger Sound begleiten die Umarmungen und Würgegriffe zweier halbnackter Männer in kultischer Gesichtsbemalung. Der Schauer des Schrecklichen kippt ins Lächerliche im Moment, da ein Mann eine klassische Kopfform aus Blech ins Meer taucht und sich Blut mit dem klaren Wasser mischt. Neben solchen Augenblicken, wo sich das Geschehen als Farce entlarvt und zur Parodie wird, vermögen sublime Passage wie die Fahrt auf dem Ganges mit den Häuserfassaden im nächtlichen Nebel und Dunst in ihrer Hintergründigkeit zu fesseln.

Chen, der in Peking und Shanghai lebt, hat in London studiert. Zweifellos wurde er durch die englische Theatertradition inspiriert, die das Tragische und das Komische, den Schrecken und den Spass, wunderbar kombiniert. Nicht ganz überraschend hat er diesen Frühling mit dem Stück «ISHVARA» die Wiener Festwochen eröffnet. Hier in Winterthur verlässt man die Kunsthalle, tritt auf die Marktgasse. Aber im Kopf wirkt «GHOST» wie ein leicht verstörender Traum nach.


Kunsthalle Winterthur, Marktgasse 25. Bis 19. 11. Mi-Fr 12-18, So/Sa 12-16. ()

Erstellt: 06.10.2017, 16:14 Uhr

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