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Ein Uno-Spiel mit leerem Magen

Draussen liegt Schnee, im Schwedenofen im Wohnzimmer der Familie Bottlang aus Waltalingen brennt ein Feuer. Auf der Polstergruppe sitzen drei junge Erwachsene in sommerlicher Kleidung und spielen Uno. Aus ihrer Unterhaltung wird klar: Zwei Mitglieder ihrer Clique sind verschwunden, Svenja und Vanessa machen sich deswegen Sorgen, Nico hat einfach nur Hunger. Ihm wäre ein anständiges Frühstück lieber als das Kartenspiel. «Du kannst auch Zmorge sagen», sagt Regisseur und Kameramann Adrian Hofmann, der im dämmrigen Teil des Raumes steht, wo das Licht der beiden Scheinwerfer nicht hinfällt – «oder sagst du etwa Frühstück, wenn du Mundart redest?»

Es ist Sonntagnachmittag. Seit Frühling hat Hofmann mit seiner rund 40-köpfigen Crew an manchem Wochenende Szene um Szene für das Amateurfilmprojekt «Tramonto» abgedreht. «Als ich das Drehbuch schrieb, wurde klar, dass bei so vielen Szenen ein Sommer nicht reichen würde», sagt Hofmann. So sei in der warmen Jahreszeit zunächst an Schauplätzen unter freiem Himmel gedreht worden, dann ab Herbst in Innenräumen.

In der Filmhandlung sind die drei jungen Darsteller Teilnehmer eines mysteriösen Camps – als diese am Lagerort eintreffen, finden sie eine Art Geisterdorf vor, von den Leitern fehlt jede Spur, worauf die Prot­ago­nis­ten sich vorerst in einem verlassenen Wohnhaus einnisten. Weil die Nahrung fehlt, knurren die Mägen je länger, je mehr, und im Lauf der sich zuspitzenden Ereignisse bildet sich unter den jungen Campteilnehmern eine neue Machtstruktur heraus. Die Jugendliche Vanessa spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie wird von Flavia Bottlang gespielt. «Vanessa merkt schnell, was in der Gruppe falsch läuft», sagt die 20-jährige kaufmännische Angestellte. Mit der Teilnahme an diesem Projekt steht sie zum ersten Mal vor der Kamera. Sie habe sich sowohl für die Rolle der Vanessa wie auch für jene von Vanessas bester Freundin Jessica beworben – und «zum Glück die Hauptrolle bekommen», wie sie sagt. Später will sie eine Schauspielschule besuchen, derzeit arbeitet sie auf der Gemeindeverwaltung in Andelfingen.

Beim Filmprojekt hat sie viele neue Leute kennen gelernt, die Teilnehmer stammen mehrheitlich aus dem Weinland, aber auch aus dem Aargau, dem Thurgau sowie übrigen Gebieten des Kantons Zürich. Fabien Tichy (21) etwa, der im Film Nico spielt, wohnt in der Stadt Zürich. Der Polygraf betreibt in seiner Freizeit mit Kollegen ein Partylabel, er war ursprünglich für eine Clubszene im Film angefragt worden. Statt als DJ eine Statistenrolle einzunehmen, erhielt er dann aber eine tragendere Rolle.

Michèle Schaps, die dritte Uno-Spielerin in jener Szene, stammt aus Flaach. Die 20-jährige Personalassistentin war von ihrer Schwester auf das Filmcasting für «Tramonto» aufmerksam gemacht worden. Laut dem 32-jährigen Projektleiter Hofmann, der früher Jungschar-Leiter war, kam zudem rund die Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer über den freikirchlichen Jugendgottesdienst Godi Wyland zum Projekt.

«Flavia, kannst du noch den Fotokalender abhängen?», sagt Hofmann vor dem Drehen der nächsten Szene, bei der nun ein Steadycam-Geschirr zum Einsatz kommt, um der Dramatik der Szene mit einer entsprechend lebhafteren Kameraführung gerecht zu werden. Besagter Wandschmuck zeigt die Tochter des Hauses – was natürlich im filmischen Kontext unpassend ist: Flavia und ihre Begleiter haben es sich ja laut Drehbuch in einem fremden Haushalt gemütlich gemacht.

E s ist eben nicht damit getan, dass die Darsteller vor der Kamera immer dieselbe – sommerliche – Kleidung tragen. Tausend Kleinigkeiten müssen in verschiedenen, aufeinanderfolgenden Szenen gleich sein, um später die Filmbetrachter nicht mit ungewollter Magie zu überraschen. «Einige Fehler werde ich wohl erst beim Schneiden bemerken», sagt Hofmann – denn obwohl das fünfköpfige technische Filmteam stets die Augen offen gehalten habe, sei es nicht ausgeschlossen, dass es punkto Kontinuität zu kleinen Fehlern gekommen sei: «Wer sucht, der wird bestimmt fündig.»

Perfektion will Hofmann zwar anstreben, bei der Low-Budget-Produktion geht es ihm aber um etwas anderes: Den unzähligen Konsumangeboten soll etwas entgegengesetzt werden, Teilnehmer sollen erleben, dass es langfristig mehr Freude macht, gemeinsam selbst etwas hervorzubringen. Im kommenden Herbst soll der Film nach der Postproduktion – und dem Nachdrehen einer Verfolgungsjagd im nächsten Sommer – aufführungsreif sein.

www.oreon.ch

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