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Ein Vergleich würde der Stefanini-Stiftung guttun

Im Streit um die Nachfolge von Immobilienkönig Bruno Stefanini geht es für Winterthur um viel. Eine Analyse von Jakob Bächtold.

Plötzlich ist es wieder ruhig um die Stefanini-Stiftung. Die beiden Streitparteien – Bettina Stefanini als Tochter und Erbin auf der einen Seite, Markus Brunner als Geschäftsführer und Umit Stamm als Stiftungspräsident auf der anderen – haben im öffentlichen Schlagabtausch eine Pause eingelegt. Der Grund dafür: Das Mediationsverfahren vor der Eidgenössischen Stiftungsaufsicht läuft an. Vor dem ersten Gespräch Ende Oktober will wohl niemand noch mehr Geschirr zerschlagen. Die Stille wird nicht von Dauer sein, eher ist es eine Ruhe vor dem nächsten Sturm. Sohn Vital Stefanini hat das Bonmot geprägt, sein Vater Bruno Stefanini sei ein «Mann des Erwerbens, nicht des Erhaltens». Man kann ergänzen: Er ist ein Mann des Sammelns, nicht des Loslassens. Darum war anzunehmen, dass es bei der Nachfolge des 90-jährigen Immobilienkönigs einmal «chlöpft». Dass der Streit in der Öffentlichkeit ausgetragen wird, ist aber überraschend. Kein Wort nach aussen. Das war während Jahren die Kommunikationsstrategie Stefaninis. Diesen September hat Tochter Bettina Stefanini mit diesem Prinzip radikal gebrochen. Um neben dem juristischen auch öffentlichen Druck aufzubauen, beauftragte sie eine Kommunikationsagentur. Die losgetretene Medienkampagne schlug national Wellen. Kein Wunder, denn die Stefanini-Geschichte bietet die Komponenten eines Familiendramas: ein Erbstreit am Sterbebett eines greisen Königs um ein milliardenschweres Imperium und um einen unermesslichen Kunstschatz. Unter Druck geraten, haben auch die amtierenden Stiftungsräte einen PR-Berater eingeschaltet. Auf die Kommunikationssperre folgte eine Medienoffensive. Innert weniger Tage wurden über die Stefanini-Familie so viele Details bekannt, wie zuvor während Jahren nicht. Ein klares Bild ergibt sich jedoch auch mehrere Wochen nach dem «Aufbrechen» des Stefanini-Streits noch nicht. Bettina Stefanini überzeugt einerseits mit ihren Ideen für die Stiftung: den grossen Kunstbestand ordnen, klare Strukturen schaffen, die Kunstsammlung in Winterthur der Öffentlichkeit zugänglich machen, die Liegenschaften sanieren, ohne sie zu vergolden. Das tönt alles wunderbar. Genau so wünscht man sich in Winterthur die Zukunft der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte. Wenn sich diese Ideen mit dem Museumskonzept der Stadt verbinden lassen, hat die Museumsstadt Winterthur eine rosige Zukunft. Gleichzeitig hat Bettina Stefanini als Tochter sicher einen Erbanspruch. Andererseits bleiben auch bei ihr Fragezeichen: Warum hat sie den jetzigen Stiftungsräten Millionen für einen schnellen Abgang angeboten? Wer hätte dieses Geld bezahlt? Zudem war sie bisher stets nur kurze Zeit im Land und kehrte rasch wieder an ihren Wohnort in Irland zurück. Dadurch ist sie bisher wenig fassbar. Ein Zwischenfazit: Sie hat die Hoffnung auf eine gute Zukunft der Stiftung unter ihrer Führung geweckt, doch man traut der Sache noch nicht ganz. Die jetzige Spitze des Stefanini-Imperiums hingegen steht unter starkem Zugzwang. Die Vorwürfe sind happig. Die Anwälte von Bettina Stefanini haben Indizien aufgelistet, die den Eindruck erwecken, es werde mit allen Mitteln – auch mit illegalen – versucht, die Stefanini-Kinder am urkundlich zugesicherten Einzug in den Stiftungsrat zu hindern. Dora Bösiger, langjährige Vertraute Stefaninis, steht unter Verdacht, ihren Verwandten Umit Stamm ins Stefanini-Machtzentrum eingeschleust zu haben. Doch auch hier erscheint nicht alles schwarzweiss. Auch Bettina Stefanini gesteht Dora Bösiger zu, dass sie sich jahrelang fürsorglich um Bruno Stefanini gekümmert hat. Zudem konnte man registrieren, dass sich in Stefaninis Firmen seit 2008, als Markus Brunner die Geschäftsführung übernommen hat, doch einiges getan hat. Zahlreiche Liegenschaften wurden saniert, einige wie die Brahms-Villa am Heiligberg sogar mustergültig. Auch die Kunstwerke der Stiftung wurden an den Ausstellungen in Winterthur von 2008 und in Bern dieses Jahr immerhin einmal präsentiert. So hat man den Eindruck, unter der jetzigen Leitung seien Verbesserungen zumindest angestossen worden. Die grosse Frage, was denn wirklich der Wille Bruno Stefaninis wäre, lässt sich angesichts seines Gesundheitszustands wohl nicht mehr eruieren. Für Winterthur wäre es von grossem Vorteil, die Kontrahenten könnten sich in naher Zukunft – das hiesse also aussergerichtlich – auf eine Lösung einigen. Ein langwieriger Rechtsstreit würde die Führung des Stefanini-Imperiums blockieren. Sowohl für die Liegenschaften als auch für die Kunststiftung keine gute Aussicht. Das viele Geld, das in der Stefanini-Stiftung steckt, ist dabei Segen und Fluch. Einerseits wäre wohl genügend Geld da, um anständige Lösungen für alle zu ermöglichen. Andererseits: Bei einem so hohen Einsatz könnte den Streitparteien auch ein jahrelanges Prozessieren gewinnbringend erscheinen.

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