Zum Hauptinhalt springen

Eine «feste Adresse» zieht wieder weg

Als Orell Füssli vor fast 17 Jahren an der Marktgasse eine Filiale eröffnete, bot man ihr keinen warmen Empfang. Jetzt, wo die Buchhandlung wieder abzieht, ist das Bedauern gross, sogar bei der Konkurrenz.

Gross war der Aufschrei der Winterthurer Buchhändler, als mit Orell Füssli 1997 der Branchenprimus sich an der Marktgasse installierte. Die Zahlen allein klangen wie eine Kampfansage: Mit 1600 Quadratmetern bot man viermal mehr Verkaufsfläche an, mit 65 000 Titeln ein fast doppelt so grosses Sortiment wie die damals grösste Buchhandlung Vogel. 15 Millionen Franken lautete das jährliche Umsatzziel – mehr als alle anderen Buchhändler zusammen. Wolfgang Vogel, der entmachtete Platzhirsch, warnte, Orell Füssli werde «das Kuchenstück aller schmälern». Schadenfreude deplatziert Damit lag er wohl nicht ganz daneben. «Uns kostete es fast einen Drittel des Umsatzes», sagt er rückblickend. Bei der ältesten Buchhandlung Hoster gingen drei Jahre später die Lichter aus. Den ganz grossen Verdrängungsprozess hat Orell Füssli aber nie ausgelöst. «Uns Kleine hat er nie existenziell bedroht», sagt Peter Mönch. Vor fast dreissig Jahren hat er die Buchhandlung Schwert am Obertor übernommen. Früh habe er eine Nische (Belletristik) besetzt und so seine Stammkunden gehalten. Doch Ende März muss auch er für immer schliessen. Mönch geht in den Ruhestand. Einen Nachfolger fand er leider keinen. Nichts liege Mönch ferner, als die Schliessung der Orell-Füssli-Filiale mit Schadenfreude zu kommentieren. «Für die jungen Kollegen, die dort arbeiten, tut es mir sehr leid», sagt er. Tobias Tanner von der Buchhandlung Am Platz sieht darin einen «weiteren Schlag für die Branche», die ohnehin darbe. Auch Vogel, der 1997 am lautesten vor Orell Füssli warnte, gibt sich zurückhaltend. Aber: «Klar bin ich froh, dass die Vogel-Thalia-Filiale bestehen bleibt.» 2008 hatte er sein Geschäft an die deutsche Thalia Bücher AG verkauft. Letzten März fusionierten dann die beiden Grossen auf dem Platz. In der Orell Füssli Thalia AG bündelten sie ihre Kräfte, um sich gegen den schier übermächtigen Onlineriesen Amazon in Stellung bringen. Schnell war klar: Eine ihrer Filialen an der Marktgasse muss weichen. Zur Überraschung vieler ist es nun die Grössere der beiden. Vogel ist dennoch überzeugt: «Nicht die Qualität, eher die Quantität des Buchangebots in der Stadt sinkt.» Grossstädtisch provinziell Wie fest die Passanten die Orell-Füssli-Buchhandlung bei ihrem Einkaufsbummel durch die Altstadt inzwischen einplanen, zeigen die spontanen Reaktionen. «Jedes Mal, wenn ich in Winterthur bin, schaue ich hier kurz vorbei», sagt Elvira Prohaska aus Zürich. Hier sei die Atmosphäre entspannter, das Angebot aber genauso gut, die Bedienung freundlich. «Ein Schock» sei es gewesen, als sie von der Schliessung erfahren habe, sagt Nina Stutz aus Wiesendangen. Als vielseitig interessierte Leseratte habe sie den Laden regelmässig mit vier oder fünf Büchern unterm Arm verlassen. «Immer habe ich gefunden, was ich gesucht habe, und dazu viel Neues entdeckt», sagt sie. Ihre 10-jährige Tochter Nina nickt. Sie hat inzwischen einen ganzen Berg von Federica-de-Cesca-Romanen verschlungen, die ihr ihre Mutter jeweils mitbringe. «Fast meditativ» wirke es auf sie, wenn sie sich ein Buch greifen und bei einem Kaffee in aller Ruhe und mit Blick auf die Marktgasse durchblättern könne, schwärmt eine ältere Kundin. «Wo gibt es das sonst schon in der Altstadt?» Gerade dass er so aufgeräumt und grosszügig sei, mache den Laden einzigartig, pflichtet ihr eine 36-jährige Winterthurer Stammkundin bei. «Orell Füssli ist hier längst zur festen Adresse geworden.» Ende September diesen Jahres räumt die grösste Buchhandlung Winterthurs nun also seine Regale. Mit dem Wegzug bekomme Winterthur wieder einen etwas provinziellen Anstrich. finden beide.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch