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Eine Frage der Konsequenz

Vladimir Petkovic musste auch nach seinem zweiten Spiel mit der Schweiz eine Niederlage erklären. Noch wirkt er gelassen, ist seine Position natürlich nicht gefährdet. Aber völlig verpatzt ist der Start doch.

Vladimir Petkovic wusste, dass er sich am Morgen nach dieser Niederlage den Medien stellen musste – auch wenn ein Termin ursprünglich nicht vorgesehen war. Das hatte damals, vor sechs Jahren, auch Vorgänger Ottmar Hitzfeld getan, nachdem ihm der Start zur Qualifikation für die WM in Südafrika massiv misslungen war, mit dem 1:2 gegen Luxemburg nach dem 2:2 in Israel. Hitzfeld war zwar, zwei Jahre später, bis an diesem Donnerstag auch der letzte Schweizer Nationalcoach, der mit gleich zwei Niederlagen eine (EM-)Ausscheidung begann. In Erinnerung ist überdies, dass Hitzfeld seinen ersten Fehlstart korrigieren konnte, nicht aber den zweiten. Allerdings unter wesentlich strengeren Vorgaben des Modus.

Also sass Petkovic gestern im sonnig warmen Slowenien am Fuss des Ski-Weltcuphangs von Maribor und war bemüht, die Gelassenheit eines Mannes zu zeigen, der auch in schwierigen Momenten den Überblick bewahrt. Dann sagte er beispielsweise, dass er wieder «alles gleich machen» würde. Schliesslich habe er dann auf dem Platz «eine Mannschaft gesehen, die besser sein wollte als der Gegner, die dominierte und die 19-mal auf dessen Tor schoss – allerdings das Tor auch nur fünfmal traf.» Was er da halt auch sah: eine Mannschaft, die man (noch) nicht gross nennen kann, «denn eine grosse Mannschaft hätte anders auf den Rückstand reagiert» – mit «klarem Kopf» und nicht mit der individuellen Brechstange.

«Mit zehn Prozent mehr»

Zwei Punkte stellte er dann in den Vordergrund, in Anbetracht der Tatsache, dass es seiner Mannschaft in selten gesehenem Ausmass an der für den Erfolg erforderlichen Konsequenz hatte fehlen lassen. Petkovic sagte es so: «Wir müssen das Glück mehr provozieren, wir müssen gerade im Abschluss mit mehr Überzeugung arbeiten, und zwar schon im Training.» Und: «Wir müssen auch einfache Dinge mit 120 Prozent machen.» Nicht einfach so, sondern mit «unbändigem Willen. Jeder mit zehn Prozent mehr.» Dazu nochmals: «Diese letzte Entschlossenheit habe ich vermisst, aber auch eine bessere Reaktion aufs Tor.»

Petkovic will in der Aufarbeitung seiner zweiten Niederlage natürlich auch die positiven Dinge nicht übersehen, und «sehr wichtig ist, dass wir weiter daran glauben» – daran, was die Mannschaft kann und was er von ihr will. Natürlich ist der neue Coach, wie einst Hitzfeld, noch dabei, seine neue Mannschaft kennen zu lernen, sie richtig zu spüren. Zumal das Wesen als Nationaltrainer für ihn genauso neu ist, wie es damals für Hitzfeld war. Der hatte zwar viel mehr an Erfahrung und an Erfolgen vorzuweisen, aber selbst er war mit der Nati in gewissen Beziehungen ein Lehrling. Etwa im Bereich, dass einem Nationalcoach nur sehr wenig Zeit bleibt, einen Match vorzubereiten, oder gar, Systemänderungen vorzunehmen.

Fragen zum zweiten «Nuller»

Herauszuarbeiten gibt es nach diesem zweiten «Nuller» beispielsweise Dinge wie diese:

Seferovics «Konsequenz». Wenn Petkovic von der letzten Konsequenz oder von «den zehn Prozent mehr» sprach, dann glaubte man vor allem einen Namen herauszuhören, jenen Haris Seferovics. Der ist in Form, das hat man wieder gesehen. Aber die Art, wie er abschloss, war fahrig bis fahrlässig, zu unkonzentriert. Statt jede Chance zu nehmen, als wäre sie die einzige, spielte er, als komme schon bald die nächste – und eine werde dann schon zum Tor führen.

Shaqiris Rolle. Eine Schlussfolgerung Petkovics aus dem Match gegen England war die Versetzung Xherdan Shaqiris von der Flanke ins Zen­trum. Zwar sieht der Coach in seinem Sturm eine Dreierreihe, in dem die «Positionen noch mehr gewechselt» werden könnten. Aber im Prinzip war es so, dass Shaqiri als «falsche Neun» zwischen den klassischen Stürmern Seferovic und Josip Drmic stand.

Der Anfang war gut bis sehr gut, die Fortsetzung zeigte sinkende Tendenz. Auf jeden Fall zeichnete sich in der zweiten Halbzeit Shaqiris entscheidende Tat immer weniger ab. Es stellt sich dann schon die (System-)Frage, also ob ein Shaqiri im Zen­trum eines Dreimannsturms so gut sein kann wie einer in einer Dreierreihe hinter einer Spitze.

Das System – das 4-3-3. Die taktische Retusche, die Petkovic schon für den Match gegen England eingebracht hatte, war der Wechsel von einem Fünfer- zu einem Dreier-Mittelfeld. Aber wie wirkungsvoll kann ein Trio in der Zusammensetzung Valon Behrami/Gökhan Inler/Granit Xhaka in der Offensive wirklich sein? Behrami ist defensiv beeindruckend, offensiv nahezu inexistent; Inler in der Regel sehr pflichtbewusst, fürs Spiel nach vorne aber ebenfalls zu wenig konkret – und dar­über hinaus defensiv ab und zu gefährlich fehleranfällig. Xhaka ist von der spielerischen Klasse her offensiv eindeutig der beste Mann. Aber in dieser Besetzung droht er zu sehr mit den andern mitzulaufen – und dies auf der linken Seite. Also ist dieses Trio selbst bei grosser Dominanz wie in Maribor kreativ beschränkt.

Der «Fall» von Bergen. Steve von Bergen war, bis er im ersten WM-Spiel verletzt ausfiel, lange Zeit unbestrittenster Innenverteidiger. Selbst wenn er bei YB mal nicht überzeugte, war in der Nati Verlass auf ihn. In diesem Herbst aber ists anders: Er patzt im Verein und nun auch in der Nati. Das war so gegen England, das war in Maribor so, kaum war er für Philippe Senderos erschienen. Am Anfang verlor er ein Laufduell klar, wenig später stand er mit seinem Fehler am Ursprung des Penaltys, und schliesslich liess er sich von einem konternden Slowenen nochmals beinahe widerstandslos überlaufen. So jedenfalls hat von Bergen keinen Platz mehr im Team.

Rote Laterne der Fussballwelt

Welche personellen und taktischen Konsequenzen Petkovic für den Match am Dienstag in San Marino zieht, liess er am Fuss des «Pohorje» in Maribor noch offen. Er muss ja auch wissen, ob er auf die wegen muskulärer Probleme im Oberschenkel ausgewechselten Senderos und Inler zählen kann. Senderos würde nach seinem guten Comeback sicher spielen, aber sein Einsatz scheint eher unwahrscheinlich. Mit jenem Inlers ist eher zu rechnen.

Sechs Punkte wollten die Schweizer aus Slowenien und San Marino heimbringen. Drei aus San Marino sind jetzt noch möglich – und dort zu gewinnen, müssten eigentlich auch diese Schweizer schaffen. San Marino hat vor zehn Jahren Liechtenstein 1:0 geschlagen; es war sein erster Länderspielsieg. Seither verlor es 60-mal in Folge. Mit null Wertungspunkten ist San Marino – zusammen mit Bhutan – die Nummer 208 des Fifa-Rankings, die rote Laterne der Fussballwelt also. Im Vergleich dazu sind selbst «Hitzfelds Luxemburger» auf Rang 147 Riesen.

Hansjörg Schifferli

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