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Eine Frau macht fast Karriere

Die Winterthurerin Sophie Schäppi schaffte es im 19. Jahrhundert, sich in Paris eine Existenz als Malerin aufzubauen. Dann musste sie nach Hause zurückkehren. Ein typisches Frauenschicksal? Schäppi steht im Zen­trum einer szenischen Führung vom Samstag.

Gegen Ende ihres Lebens hat Sophie Schäppi ihr Wirken mehr und mehr in die Nähe verlegt. Blühende Bäume am Brühlberg malte sie 1900. Oft zog es sie nach Kyburg. Über Wochen hinweg mietete sie sich in einer Pension ein, um zu malen. Die Bilder, sie wurden immer kleiner. Am Ende war sie krank und ihre Augen gaben den Dienst auf. Sophie Schäppi (1852–1921) ist die einzige Malerin in der Ausstellung «Home Grown» im Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten, der aktuellen Schau, die Winterthurer «Eigengewächsen» gewidmet ist: Künstlern, die hier aufwuchsen und in die Welt hinauszogen, um sich einen Namen zu machen. Einen Namen besass Schäppi. Nicht nur in Winterthur, wo an einer Ausstellung im Gewerbemuseum alles verkauft wurde. Auch in Paris. An der ersten Nationalen Kunstausstellung 1890 war sie ebenso vertreten wie an den Weltausstellungen 1889 und 1900, und bereits ab 1878 stellte sie am Pariser «Salon» aus. Als einzige Frau war sie zudem, auf Vermittlung von Albert Anker, als Fayencemalerin für die Keramik-Manufaktur Deck tätig. Fayencen sind mit Märchenmotiven und Porträts historischer Persönlichkeiten dekorativ bemalte Teller, die man sich in die gute Stube hängte. Die Firma Deck war zu jener Zeit Marktführerin. Der Karriereknick Schäppi hatte es geschafft, sich in Paris, der Welthauptstadt der Kunst, eine Existenz aufzubauen. Mit 41 Jahren kehrte sie nach Hause zurück. Hier fühlte sie sich isoliert und entwickelte neuralgische Sym­pto­me. Was war geschehen? Auslöser für den Umschwung war der Tod der Mutter. Sophie musste ihr auf dem Sterbebett versprechen, sich um den Vater zu kümmern. Die gesellschaftliche Konvention verlangte das von der ledigen und kinderlosen Tochter. Schäppis künstlerischer Weg war umso bemerkenswerter, als Frauen damals an den staatlichen Kunsthochschulen nicht zugelassen waren. Um sich zur Künstlerin ausbilden zu lassen, standen ihnen nur der Privatunterricht und private Schulen offen, und die waren wesentlich teurer. «Die Möglichkeiten der Frauen waren unglaublich eingeschränkt», sagt die Kunsthistorikerin Anne-Catherine Krüger. Nach dem Zeichenunterricht an der höheren Stadtschule in Winterthur und drei Jahren Weiterbildung in München, der damaligen deutschen Kunstmetropole, besuchte Schäppi ab 1874 in Paris die Académie Julian, die grösste private Akademie, an der auch Lehrer der renommierten Ecole des Beaux Arts unterrichteten. Hier wurden Frauen zusätzlich benachteiligt, bezahlten sie doch mehr als das Doppelte. Überhaupt: Bewegungsfreiheit und Selbstverwirklichung waren den Männern vorbehalten. «Es war nicht üblich, als Frau einfach irgendwo hinzugehen», sagt Krüger, die an einer Monografie über Schäppi arbeitet. Neigung zur Melancholie Vollends von der Heimatstadt gelöst hat sich Schäppi indes nie. Lange pendelte sie zwischen Paris und Winterthur. Und der eindrückliche Leistungsausweis darf nicht dar­über hinwegtäuschen, dass ihr der grosse Erfolg versagt blieb und sie permanent unter Existenzsorgen litt. Sophie Schäppi machte nur fast Karriere. Im Gegensatz etwa zu ihrer Freundin Luise Breslau, der deutsch-schweizerischen Lithografin und Pastellzeichnerin, die ebenfalls an der Académie Julian studierte, später an den Weltausstellungen die Goldmedaille erhielt, ihr eigenes Atelier eröffnete und mit führenden französischen Malern den Austausch pflegte. Sophie Schäppi neigte, wie man aus ihren Tagebüchern weiss, zur Melancholie: «Sie war eine traurige Person», sagt Krüger. Umso mehr muss es sie getroffen haben, als sie auf die vielfältigen kulturellen Anregungen der Weltstadt verzichten musste. Nach der Rückkehr nach Winterthur ar­bei­te­te Sophie Schäppi weiterhin für Deck, so lange, bis die Manufaktur den Betrieb einstellte. Und sie unternahm, zusammen mit ihrer Freundin, der Baronesse von Sulzer-Wart, Reisen nach Paris und in die Bretagne. Ihren Fayencen kann man heute im Musée de la Fa?ence in Marseille und im Musée Théodore Deck im elsässischen Gueb­willer begegnen. Auch in zahlreichen Winterthurer Haushalten dürften noch welche hängen, schätzt Anne-Catherine Krüger. – Hinweise auf Werke, Briefe oder andere biografische Materialien nimmt die Kunsthistorikerin gerne entgegen unter: annecathkrueger@aol.com.

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