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Eine Frau unter Männern

MELBOURNE. Sauber sorgt für eine viel beachtete Premiere: Erstmals nimmt ein Formel-1-Team die Weltmeisterschaft mit einer Frau an der Spitze in Angriff. Monisha Kaltenborn will das Lebenswerk des abwesenden Firmengründers in seinem Sinne weiterführen.

Vor 14 Jahren ist Monisha Kaltenborn als Mitarbeiterin der Liechtensteiner Fritz-Kaiser-Gruppe zum Schweizer Formel-1-Team gestossen und hat schnell das Vertrauen von Peter Sauber gewonnen. Schon 2000 wurde die Juristin Leiterin der Rechtsabteilung der Sauber Motorsport AG, ein Jahr dar­auf Mitglied der Geschäftsleitung und 2010 schliesslich CEO des Unternehmens, das nach dem unerwarteten Rückzug von BMW vor einer ungewissen Zukunft gestanden hatte. Die Österreicherin mit indischen Wurzeln meisterte die anspruchsvolle Aufgabe mit Bravour. In der Folge erhielt sie im Mai des letzten Jahres einen Drittel der Anteile und übernahm im Herbst auch die Rolle der Teamchefin an der Rennstrecke. «Ich bin überzeugt, dass Monisha Kaltenborn das Rüstzeug dafür hat, und bin mir ebenso sicher, dass unter ihrer Führung die Werte, die das Unternehmen ausmachen, lange Bestand haben werden. Das ist mir sehr wichtig», kommentierte der Firmengründer Peter Sauber, der im ­70. Lebensjahr nicht mehr an der Boxenmauer stehen will und wegen anderweitigen Verpflichtungen beim Saisonstart in Melbourne fehlt, als Präsident des Verwaltungsrates aber weiterhin die Verantwortung für die strategische Ausrichtung trägt. In allen Lagern respektiert Den Respekt der Mitstreiter in der Männerwelt hat sich die einzige Frau in dieser Position längst gesichert. Kaltenborn ist bestens mit der Formel 1 und ihrer aktuellen Problematik vertraut. Sie ist sprachgewandt, unnachgiebig am Verhandlungstisch und äusserst zielstrebig. Auch der im Business noch immer die Drähte ziehende Bernie Ecclestone hat sie voll akzeptiert. «Sie ist aufmerksam und aufgeweckt, hat eine klare Meinung, kon­trol­liert die Dinge und kann sich fast immer durchsetzen», lobt der 82-Jährige, der in Australien ebenfalls zu den Abwesenden gehört und eine Frau als Nachfolgerin dereinst nicht ausschliessen will. Diese Qualitäten bekommen auch jene zu spüren, die Kaltenborns Vertrauen missbrauchen. Medienvertreter, die es mit der Wahrheit nicht ganz so ernst nehmen und es allzu bunt treiben, riskieren ungeachtet ihrer Auflage ein Hausverbot in der rundum geschätzten Sauber-Hospitality. Mit Kritik kann die gegen alle Seiten offene Teamchefin leben, doch Lästermäuler will sie nicht auch noch durchfüttern. Umso mehr schätzt sie es, die kurze Mittagspause mit viel Charme und Witz im vertrauten Kreise zu geniessen. Ihren klaren Vorstellungen entsprechen müssen auch die Leistungen der rund 350 Mitarbeiter. Die angespannte Finanzlage in Hinwil erlaubt keine Mitläufer. Auch aus diesem Grunde gehört die immer notwendigere Kostenreduktion zu ihren ganz speziellen Anliegen. Chance ja – Quoten nein Kaltenborn fühlt sich nicht als Ausnahmeerscheinung. «Fachlich spielt das Geschlecht keine Rolle. Nachdem ich nun schon so lange dabei bin, glaube ich auch nicht, dass ich stärker als Frau denn als Teamverantwortliche wahrgenommen werde. Nur bei Personen, die neu im Geschäft sind, gibt es noch Aha-Erlebnisse.» Obwohl sie im Automobilverband den Frauen ein stärkeres Gewicht verleihen will, hält die Juristin nichts von Quotenregelungen. «Man muss den Frauen eine Chance geben, wenn sie die notwendige Ausbildung, Fähigkeit und Selbstvertrauen mitbringen», sagt sie. «Festgelegte Anteile in den Führungsgremien bringen gar nichts. Die sind etwas Künstliches.» Beeindruckend ist es, wie die Mutter des zehnjährigen Nirek und der achtjährigen Mandira mit der Doppelbelastung Familie und Beruf zurechtkommt. «Das funktioniert meistens sehr gut, ist in manchen Si­tua­tio­nen aber auch eine organisatorische und emotionale Herausforderung», findet die 41-Jährige. «Ganz wichtig ist es, die Kinder einzubinden. Wir halten deshalb auch während der Rennwochenenden Kontakt. Daheim in Küsnacht federn mein Mann, meine Eltern und ein Kindermädchen die Abwesenheiten ab. Ich geniesse in dieser Beziehung starke Unterstützung. Die Kinder sind richtig stolz auf das, was ihre Mutter macht.» Das ist auch dann zu spüren, wenn sie ausnahmsweise mit ihrem Vater Jens an einem Grand Prix auftauchen. Internationaler könnte die Familie gar nicht sein. Aufgewachsen ist Moni­sha Kaltenborn Narang in Dehradun im Norden Indiens. 1979 entschieden sich ihre Eltern, die Heimat zu verlassen, um ihr eine bessere Ausbildung zu ermöglichen, und landeten in Wien. Sie wurde auf eine österreichische Schule geschickt, hat schnell die Sprache gelernt, sich bestens integriert, die Staatsbürgerschaft angenommen und dort 1995 auch das Jura-Studium abgeschlossen. Bei ihrer anschliessenden Tätigkeit in einer Kanzlei hat sie ihren deutschen Mann kennen gelernt. Dann folgte der Wechsel zu Fritz Kaisers Gruppe und damit die Weichenstellung in Richtung Sauber, den sie noch nie bereut hat.

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