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Eine Gastgeberin im Nirgendwo

Ein Gästezimmer im Weiler ­Unterlangenhard auf dem Plateau oberhalb von Rikon im Tösstal. Das tönt sehr abwegig. «Ich hatte zuerst auch meine Bedenken, ob wirklich jemand kommt», sagt Käthi Kägi. Doch sie musste nicht lange auf den ersten Gast warten. Kurz nachdem das Bed and Breakfast an der Chriesi­gass 2 vor fünf Jahren aufging, kam auch schon die erste Anfrage. Ein deutscher Geschäftsmann suchte eine Bleibe für einen Arbeitseinsatz in der Stadt Zürich.

Seither geht im Flarzhaus, das um 1780 erbaut und in Etappen renoviert wurde, die ganze Welt ein und aus. Egal, ob Israelis, Rumänen oder Süd­afrikaner; Geschäftsreisende, Naturfreunde oder Erholungssuchende. Sie alle haben schon die Gastfreundschaft von Käthi und ihrem Mann Markus in Anspruch genommen. Im Gästebuch finden sich sogar chinesische Schriftzeichen. «Wir sind sehr offen und haben keine Vorurteile», sagt die 54-jährige Gastgeberin, die jeweils nachmittags im Laden Mini-Prix in Winterthur steht und Heimtextilien verkauft.

Das alte Flarzhaus gliedert sich in drei Teile. Im linken wohnen Kägis, der mittlere wurde verkauft und im rechten befand sich früher eine Scheune. Diese haben Kägis vor rund 15 Jahren umgebaut. Zuerst richteten sie ein Büro ein, später ist daraus ein Gästezimmer mit zwei Betten, Dusche, WC und Sauna entstanden. Die Räume sind heimelig eingerichtet. Einige Sammlerstücke erinnern an frühere Zeiten. So stehen etwa eine alte Bettflasche und ein Nachttopf auf dem Schrank. Statt eines Lavabos gibt es zudem eine Waschschüssel mit Krug. Antiquitäten sind eine Leidenschaft der Gastgeberin: «Ich stöbere gern in Brockenhäusern.» Auch im eigenen Wohnhaus finden sich viele Schätze: etwa antike Wanduhren, die laut vor sich hin ticken. Oder ein grosser Bauernschrank – ein Familienerbstück von 1765.

Die Gäste erhalten jeweils einen eigenen Schlüssel für den separaten Hausteil. «Viele Geschäftsleute schätzen diese Privatsphäre, die sie bei einer Gastfamilie nicht haben», erklärt Kägi. Einzig das Frühstück wird jeweils in ihrer Küche serviert. «So entstehen viele wertvolle Kontakte, und man lernt andere Mentalitäten kennen.»

Ein Flair fürs Fremde war Kägi schon immer eigen. 1983 nahm die damals 24-Jährige Reissaus. Nach der Hochzeit lebte sie drei Jahre lang mit ihrem Mann im Ausland. «Wir wollten einfach mal etwas anderes erleben», sagt die gebürtige Waltensteinerin. Also beantragte das junge Paar, das sich an der Turnerunterhaltung in Schlatt kennen gelernt hatte, ein Visum für Australien. Die Schuhverkäuferin und der Maschineningenieur schmissen ihre Jobs hin und liessen fast alles zurück. Dann standen sie mit zwei vollen Koffern am Flughafen in Sydney – ohne Plan, Hotel oder Job. «Wir hatten keine Ahnung, ob es klappt.»

Doch die beiden hatten Glück. Sie nahm zuerst Englischkurse, ihr Mann sprach persönlich bei diversen Firmen vor. Schliesslich fand er einen Job bei einer Öl- und Gasfirma, die ihm ein Jahr später einen Posten in Neuseeland anbot. Die beiden siedelten um und wohnten zwei Jahre lang in einem himmelblauen Haus mit Meersicht. «Schon damals haben wir viele Partys gefeiert. Es war ein Multikultihaus», erzählt Kägi. Doch dann kam die erste Tochter zur Welt – als waschechte «Kiwi» mit Neuseeländer Pass. Sie war auch der Grund, weshalb die junge Familie wieder in die Schweiz zurückkehrte. «Der Entscheid fiel uns schwer, aber die Distanz wäre zu gross gewesen», sagt Kägi. Bald dar­auf kam die zweite Tochter zur Welt – als Schweizerin. «Das wurmt sie noch heute ein bisschen.»

Ganz ohne Ausland kam Kägi dann aber doch nicht aus. «Ich habe es mir einfach in die eigene Stube geholt.» Zuerst beherbergte sie amerikanische Austauschstudentinnen. Dann kam die Idee für das Gästezimmer.

Schlechte Erfahrungen mit Gästen hat Kägi bisher erst einmal gemacht: «Das war allerdings auch ein ganz schräger Typ.» Schon im Vorfeld wollte er wissen, ob die Bettwäsche chemisch behandelt wird. Dann tätigte er während seines Aufenthalts einen Notruf und löste Gasalarm aus. Um ein Uhr in der Früh stand plötzlich die Feuerwehr vor der Tür. «Das war eine grosse Aufregung – für nichts. Dem Gast war es nachher peinlich.»

Inzwischen hat Kägi, die im alten Dreschschopf neuerdings auch einen Herbstmarkt veranstaltet, bereits Stammgäste. Ein Bündner Ehepaar kommt immer im Mai, «weil er als 16-Jähriger bei einem Langenharder Bauern als Knecht gearbeitet hat». Und dann gibt es noch einen Münchner Arzt, der jeweils in Winterthur Weiterbildungskurse besucht. Der Naturfreund hat schon bis 2014 vorreserviert.

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