Zum Hauptinhalt springen

Eine halbe Million löst sich in Luft auf

Das Bundesgericht setzt einen Schlusspunkt unter den Albtraum eines begüterten Zürchers, der einen guten Teil seines Altersguthabens verlor. Eine Finanzkrisen-Geschichte.

Als Ernst Haug* im Frühjahr 2008 seinen Rückzug aus dem Berufsleben vorbereitete, warf die Finanzkrise längst ihren Schatten voraus. Die amerikanischen Banken hatten die europäischen angesteckt, und der Schweizer Aktienmarkt war in Kürze um 20 Prozent eingebrochen. Aber Haug hatte vorgesorgt. Er hatte offensichtlich ein Leben lang gut verdient, zuletzt als Partner bei einer Firma, und so hatte sich bei seiner Pensionskasse ein respektables Alterskapital angehäuft. Dieses wollte er sich nun in monatlichen Raten auszahlen lassen. Er entschied sich also gegen eine klassische Rente und für den Bezug seines Kapitals – dies aber häppchenweise. So teilte er es seiner Pensionskasse mit, wie aus dem vorgestern publik gewordenen Gerichtsurteil hervorgeht.

Im Sommer 2008 stand Haugs Pensionierung unmittelbar bevor. Die Welt taumelte inzwischen am Abgrund, und die Schweiz stand im Bann der UBS, die sich gerade vor aller Augen selbst demontierte. Insofern muss sich der Brief überraschend positiv gelesen haben, den Haug Ende August von seiner Pensionskasse erhielt: Sein Sparkapital sei im laufenden Jahr weiter gewachsen, und zwar zu einem Zins von einem Prozent. Fast 2,5 Millionen Franken habe er insgesamt zugute – er dürfe künftig mit monatlichen Auszahlungen von über 22 000 Franken rechnen. Ernst Haug konnte seine Pension in Ruhe antreten.

Böses Erwachen

Das böse Erwachen kam im Frühjahr 2009. Die Börsenkurse waren mittlerweile endgültig in den Keller gefallen, und in den Medien jagten sich Meldungen von Rettungspaketen und Konjunkturspritzen. Da erhielt Ernst Haug erneut Post von seiner Pensionskasse. Es ging um eine Korrektur seines Altersguthabens: Der Zins dar­auf betrug fürs Jahr 2008 statt des angekündigten einen Prozents – minus 17 Prozent. Das Guthaben des Pensionärs war auf einen Schlag von 2,5 Millionen Franken auf «nur» noch 2 Millionen geschrumpft.

Im Prinzip kam der schlechte Geschäftsgang von Haugs Pensionskasse nicht überraschend. Der BVG-Index der Bank Pictet, ein Massstab für die Schweizer Pensionskassen, wies fürs Jahr 2008 Verluste zwischen 11 und 31 Prozent aus – je nach Anlagerisiko. Und Kassen, die eine zu geringe Deckung aufwiesen, reichten laut Fachleuten solche Verluste an ihre Versicherten weiter. Auch Kleinverdiener, die keine Millionen auf der hohen Kante hatten, verloren in jenen Tagen viel Geld. Damals kursierten Geschichten von Leuten, die ihre ganze Altersvorsorge verloren hatten, weil sie diese auf Drängen ihrer Bankberater in angeblich todsichere Anlagevehikel gesteckt hatten, die kurz dar­auf im Sturm des amerikanischen Subprime-Debakels zusammenbrachen.

Angaben waren nichts wert

Aber Ernst Haug wollte seinen Verlust nicht hinnehmen. Und er hatte die Mittel, sich zu wehren. Er schaltete seinen Rechtsanwalt ein, der ein Büro in einem repräsentativen Bau an der Goldküste hat. Dieser warf der Pensionskasse vor dem Zürcher Sozialversicherungsgericht vor, sie habe seinem Mandanten im Sommer 2008 falsche Versprechungen gemacht – und solle sich nun gefälligst daran halten. Doch die Richter entschieden anders, wie schon in einem anderen, fast identischen Fall: Das erste Schreiben der Pensionskasse, in dem diese noch ein Prozent Zins angekündigt hatte, sei nicht verbindlich gewesen, argumentierten sie, sondern rein informativ. Die Kasse habe den massgebenden Zinssatz reglementskonform erst nach Ablauf des Geschäftsjahres festgelegt, basierend auf ihrem Geschäftsgang. Ein Urteil, das nun auch das Bundesgericht bestätigte.

Verhängnisvoller Fehlentscheid

Zum Verhängnis wurde Ernst Haug letztlich, dass er sich dagegen entschieden hatte, sich seine Altersvorsorge am Stück auszahlen zu lassen, sondern dass er sie in Raten beziehen wollte. Nur deshalb befand sich der grösste Teil seines Guthabens das ganze Krisenjahr über weiter bei seiner Pensionskasse, und nur deshalb wurde es von den Minuszinsen mit ganzer Härte erwischt. Haug hat, mit anderen Worten, ganz am Anfang einen 500 000-Franken-Fehler begangen – damals im Frühjahr 2008, als er seinen Ruhestand vorbereitete und als die Krise noch relativ jung war.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch