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Eine lange, moralische Erzählung

Auf der Berlinale läuft der Director’s Cut von Lars von Triers «Nymphomaniac Vol 1» – eine meisterhafte Erzählung über eine von ihrem sexuellen Erleben bestimmten Frau und einem Mann, der sich davon nicht blenden lässt.

«Nymphomaniac Vol 1», das ist bester Lars von Trier: Erzählkino, über weite Strecken in Bann ziehend, grossartig besetzt, gut gespielt, schön, zum Teil geradezu zauberhaft schön fotografiert, mit einer sorgfältig gefertigten Tonspur, wie man sie bei von Trier auffällig etwa in «Dancer in the Dark» erlebt hat. Es ist zudem ein humorvoller Film, dem nichts Menschliches fremd scheint, ein zärtlicher Film auch, der seine Figuren gern hat. Die Figuren, das ist zum einen Joe, als Erwachsene gespielt von Charlotte Gainsbourg, als Jugendliche überragend verkörpert von Stacy Martin; es ist zum anderen der Junggeselle Seligman, der «Glückliche» (Stellan Skarsgard). Seligman entdeckt die verletzte Joe – «Nymphomaniac Vol 1» spielt irgendwo in England – in einer Winternacht in einer engen Gasse. Sie will keine Polizei, keine Ambulanz. Er, grossmütig-gutherzig, nimmt sie zu sich nach Hause, legt sie in sein Bett, serviert einen Tee. Und dann fordert er sie auf zu erzählen. Sie kann, will vorerst nicht, meint, sie sei eine «schlechte Person» und «selber schuld». Doch Seligman, den Atheisten, schreckt das so wenig wie ihr Hinweis, dass diese Geschichte «lang» und «moralisch» ausfallen werde. So beginnt Joe zu erzählen. Die vielen Episoden Ihre Erzählung setzt ein mit dem Moment, in dem sie zweijährig ihre Scham und damit auch ihre Lust entdeckt, sie endet gut zwanzig Jahre später mit dem panikartigen Erschrecken darüber, dass sie beim Liebesakt nichts mehr fühlt. Dazwischen finden sich, geschmeidig in fünf Kapitel eingeteilt, Episoden aus Joes (Sexual-Er-)Leben. Kinderspiele im Badezimmer. Der erste Sex, die Entjungferung: ein unromantischer Akt. Eine übermütige Zugfahrt, während der Joe zusammen mit der besten Freundin die Kunst der Verführung entdeckt, die postpubertäre Phase der Rebellion gegen das «Konzept der romantischen Liebe». Es folgen ein abgebrochenes Medizinstudium, der erste Job, die Begegnung mit Jérôme (Shia LaBeouf), der Liebe ihres Lebens. Dazwischen immer wieder Erzählungen über Joes Vater, den Arzt, der seiner Tochter alles über seine geliebten Bäume erzählt; ein ganzes Kapitel ist dieses Vaters unheimlich grausamem und langsamem Sterben gewidmet, das die junge Joe am Krankenbett miterlebt. Die grosse Geschichte Seligman hört zu. Er ergänzt, illustriert Joes Erzählungen mit assoziativ eingeworfenen Bemerkungen zu Fischerei, Religion, Literatur (Edgar Allan Poe), Musik (Bach, die Polyphonie), womit Lars von Trier Joes Erzählung, ihr Erleben einbettet in die grosse Geschichte der Menschheit und ihrer Kultur. Joes Sexualität, ihre Lust und deren Befriedigung, gehören in diesen Lebensbericht selbstverständlich mit hinein, wobei vieles, was Joe als verwerflich empfindet, dies in Seligmans Augen nicht ist. Da Joes sexueller Appetit riesig ist, gibt es während «Nymphomaniac Vol 1» auf der Leinwand ziemlich viel Sex. In der Darstellung «harmlos» kommt dieser in der Kinofassung daher, freizügiger, bzw. «pornografischer», ohne dass es sich dabei um eigentliche Pornografie handelt, im auf der Berlinale gezeigten Director’s Cut. Inhaltlich sind die beiden Fassungen (bis auf eine Abtreibungsszene) nicht sehr verschieden. Es ist vielmehr der Tonfall, der sich verändert, und die Frage, die man stellen muss, ist die nach der erzählerischen Authentizität. So gesehen ist die Festivalfassung der stärkere, weil ehrlichere Film.

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