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Eine Lanze für das Ritterturnier

schaffhausen. Auch in Schaffhausen gab es einst Ritterturniere. Nun überzeugt das Museum zu Allerheiligen mit einer umfassenden Schau zum Thema und zeigt «Ritterturnier. Geschichte einer Festkultur».

Renneisen und Stechstange, Rossstirn und Schwebscheiben, Bauchreifen, Bein- taschen, Helmhaube und Hundsgugel, Topfhelm, Kolbenturnierhelm, Stechsattel im Hohen Zeug, Schwenzel, Rüsthaken, Türkenmaske und Fuchshelm, Helmschau und Turnierbuch, Schmuckkästchen und Spiegelkapsel, dazu eine Fülle illustrierender Darstellungen in grossen und kleineren Büchern, ja Buchkunstwerken, auf Einzelblättern auch oder auf Ofenkacheln, nicht nur geschichts-, sondern auch geschichtenträchtig und von erzählerischer Kraft: In all den Dingen und Bezeichnungen klingt das Faszinosum des Ritterturniers an. Und in der von Museumsdirektor Peter Jezler kuratierten grossen Sonderausstellung zum Thema wird es lebendig und leuchtet auf in allen erdenklichen Facetten. Das Resultat ist eine überraschende, pracht- und prunkvolle, vor allem aber ausgezeichnet sachliche Schau. Dank ihr begreift man, war­um das Turnier als kulturelle Praxis des Rittertums gilt und der Begriff Turnier zum Schlüsselwort für das Rittertum schlechthin geworden ist. Eine Bühne für viele Szenen «Die Edelleute leben beständig in ihren Burgen und festen Häusern, und wenn sie sich nicht zu solchen Gelegenheiten versammeln könnten, so würden sie weder unter sich noch mit den Gesetzen des Rittertums bekannt. Ferner dienen die Turniere dazu, dass die Edelleute gezüchtigt werden, die ein schlechtes und unehrenhaftes Leben führen. Dann werden da Freundschaften geschlossen unter denen, die anderswo im Streit lagen, da wird über Heiraten verhandelt und werden solche abgeschlossen. Und endlich, weil sie zwischen verbündeten Städten sitzen, halten sie Rat darüber, wie sie leben und sich den Städten und den mächtigen Orten ge­gen­über verhalten sollten.» Der Unbekannte, der so anschaulich über das Wie und Was genossenschaftlicher Turniere schreibt, war ein spanischer Gesandter am Konzil in Basel (1431–1449). Gegenstand seines beispielhaften Berichtes ist ein Turnier in Schaffhausen im Februar 1436 – der spanische Augenzeuge erlebte sehr genau, was Turniere eben auch waren: gesellschaftliche Anlässe, bei denen die Stadt zur Bühne für den ritterlichen Adel wurde. Der Kampf der Reiter – im Lanzenstechen oder beim Massenturnier, dem Höhepunkt des Festes – war das eine; Empfang, Bankett, Tanz, Helmschau, Züchtigung und Vergabe der Turnierpreise gehörten genauso dazu. Insgesamt war es eine riesige Herausforderung für den Austragungsort, der 200, 300 Kämpfer, mit Damen und Ehrendamen, Dienern, Knechten und allem, was bei derartigen Anlässen mitläuft, aufnehmen musste: 2000 Personen und nicht weniger Pferde dürften es gewesen sein in Schaffhausen, zu einer Zeit, da die Stadt rund 3000 Einwohner zählte. Beispielhaftes und grosse Zusammenhänge, anschauliche Details und Übersicht, Selbstverständnis und Projektionen der mittelalterlichen Ritterzeit: «Ritterturnier. Geschichte einer Festkultur» bietet alles und führt den Besucher aus der grossen weiten Welt, die bis in die Antike und noch weiter zurückreicht, in die mittelalterliche, europäische und schweizerische Nähe. Vom einfachsten Nasalhelm bis zum raffinierten Stechhelm, unter dem der Turnierreiter sich mit einer Helmhaube (aus Leinwand, Werg, Hanf etc.) schützte, vom sportlichen Kolbenturnierhelm bis zum «Fuchshelm» (seiner Tierkopfform wegen so benannt) des Königs und späteren Kaisers Ferdinand I. mit feuervergoldetem Dekor – die Palette ist unglaublich vielfältig und überrascht, gerade was Rüstungen und Plattnerkunst angeht, mit ausgeklügelten Details. Selbstverständlich wurden auch die Turnierpferde (nicht selten so teuer wie ein Stadthaus) schmiedekunstmässig geschützt. Dass die schützende «Rossstirn» die Augen des Pferdes gänzlich verdeckte, mag den Laien erstaunen. Das geschah, damit das Tier im Turnier nicht scheute – es musste seinem Reiter blind vertrauen. Der Schellenkranz, den man ihm hinter die Ohren legte (vgl. grosses Bild), schirmte es von der Lärmkulisse des Turnierplatzes ab. Wunschbild mit Rosenzweigen Wie schon bei früheren Gelegenheiten mit ambitionierten Ausstellungsthemen wächst das Museum Allerheiligen auch diesmal über sich hinaus. Das liegt nicht nur an den gut gesetzten Akzenten, sondern auch an den klug eingesetzten Mitteln. So kann man auf Bildschirmen in kostbarsten Büchern blättern, auf Grossprojektionen schönste Feinheiten erkennen, wie bei den Malereien von Bar­thé­le­my d’Eyck im Traktat des René d’An­jou oder der Belagerung der Minneburg auf einer Spiegelkapsel: Da wird gekost und geküsst, und mit Rosenzweigen reiten die Damen zum Lanzenstechen.

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