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Eine Mutter Courage aus Amerika

Mit «The Homesman» stellt Tommy Lee Jones seinen zweiten Film als Regisseur vor. Es ist ein gegen den Strich gebürsteter Western.

Ob man den Pferden nicht Namen geben wolle? Hilary Swank sitzt neben Tommy Lee Jones auf dem Bock einer Kastenkutsche. Das Vehikel zusammengebaut hat man irgendwo in Nebraska, das Jahr ist ungefähr 1850: Mit «The Homesman» stellt Tommy Lee Jones knapp zehn Jahre nach seinem grossartig furiosen «The Three Burials of Melquiades Estrada» seinen zweiten Film als Regisseur vor. Er spielt darin auch eine der beiden Hauptrollen: einen abgehalfterten, vom Aussehen mickrigen Mann, der, wenn es hart auf hart kommt, aber ungeahnte Kräfte und gewaltige Überlebensinstinkte entwickelt. Sein Name ist George Briggs. Er hat kein Haus, keinen Besitz, keine Angehörigen; wie man ihn in «The Homesman» kennen lernt, sind die Dorfbewohner gerade dabei, das Haus auszuräuchern, in dem Briggs sich widerrechtlich eingenistet hat: Es hat alles seine Regeln und muss seine Richtigkeit haben in den Frontier-Gebieten und einer wie Briggs, der sich herumtreibt und darob gar so schlecht nicht in die Jahre gerät, ist der Gesellschaft ein Dorn im Auge. Eine Pionierin Ein solcher Dorn ist, obwohl das keiner sagt, weil der Pfarrer gute Stücke auf sie hält, Mary Bee Cuddy. Sie ist 31, gesund, kräftig und tüchtig, wie die Pionierinnen, die loszogen, um Amerika zu erobern. Doch solche Weiber haben, die Nina Hoss hat es jüngst in Thomas Arslans «Gold» gerade auch erlebt, im (klassischen) Western für gemeinhin eher nichts verloren. Der kennt kaum andere Frauenfiguren als Wirtinnen, Huren, seltener Gattinnen und Mütter sowie die ewig auf die Rückkehr des Helden wartende Geliebte. So eine unverheiratete Mary Bee aber, die eigenständig eine Farm betreibt, mit Vieh und Gerätschaften so souverän umgeht wie ein Kerl, wacker Felder und Äcker bestellt, daneben flott ihr Haus in Ordnung hält, zudem zu kochen und begnadet zu singen versteht und auch noch brav in die Kirche geht, ist unheimlich. «Zu bossy» eben, als dass man sie heiraten möchte, wie der (etwa gleichaltrige, ebenfalls unverheiratete!) Nachbar sagt, der sich von Mary zwar zum Essen einladen lässt, aber die Flucht ergreift, als Mary ihm vorschlägt, künftig Hab, Gut und Bett zu teilen. Es steckt in dieser Mary – Hilary Swank spielt sie in einer für sie typischen, etwas ungelenken Herbheit – ein überaus zarter und sehr humaner Kern. Und so ist es schliesslich Mary, die sich vom Pfarrer überreden lässt, drei wahnsinnig gewordene Dörflerinnen – die eine wird von ihrem Mann misshandelt, der zweiten starben drei Kinder binnen weniger Tage weg, der dritten wuchs das Leben sonst irgendwie über den Kopf – nach Iowa zu bringen, wo eine Methodistenfamilie sich um sie kümmern wird. Kurz bevor sie losfährt, rettet Mary Briggs vor dem Tod durch Erhängen und verpflichtet ihn für 300 Dollar und eine Flasche Whisky, sie als Beschützer zu begleiten: Es lauern in der Prärie nicht nur wilde Indianer, sondern auch sonst allerlei Gefahren. Cinemascope-prächtig sprechen Rodrigo Prietos entfärbte Bilder von menschlicher Verlorenheit in endlos karger Landschaft. Das Jammern und Fauchen, bisweilen stundenlang dumpfe Schweigen der drei dem Wahnsinn Verfallenen hat etwas Unheimliches. In solcher Situation haben Namen für Tiere etwas Tröstliches: Grace und Redemption heissen die Maultiere, Dorothy und Brown die Pferde. Verblüffende Wendung Allmählich entsteht zwischen Mary und Briggs eine Komplizenschaft. Tommy Lee Jones erzählt versiert, bisweilen sprunghaft und immer eine Spur an dem, was man erwartet, vorbei. Ebenfalls steckt in seinem Film eine an Clint Eastwood gemahnende Lakonie, wie ein etwa bei den Coen-Brüdern zu findender, pragmatischer Humor. Die einem späten Roman von Glendon Swarthout entstammende Geschichte der so gütigen wie couragierten Mary nimmt manch eine verblüffende Wendung und endet – zumindest für Mary – unverhofft tragisch. Es ist Tommy Lee Jones mit diesem «The Homesman» – in dem übrigens auch Miranda Otto, Sonja Richter und Grace Gummer als Darstellerinnen der Geistesgestörten beeindruckende Leistungen hinlegen – eine feine Hymne auf die starken Frauen gelungen, die Hollywood in seiner Starverblendung und Divenverzückung nur allzu gerne vergisst.

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