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Eine Topografie voller Geheimnisse und Glück

Der Schweizer Schriftsteller Matthias Zschokke hat Venedig als wahren Glückspfuhl erlebt. In seinem Buch «Die strengen Frauen von Rosa Salva» beschreibt er sein Dasein in dieser Stadt.

Im Jahr 2012 verbrachte Matthias Zschokke als Gast einer Kulturstiftung sieben Monate in Venedig. In den Zwischenräumen der Lagunenstadt entdeckte er eine Topografie voller Geheimnisse und voller Glück. Sein Tagebuch an Freunde, Bekannte und Leser erzählt davon. Auch wer noch nie in Venedig war, kennt die Stadt als Topos aus Literatur, Film und Geschichte. Thomas Manns Novelle drückte ihr einen Stempel auf, den sie nicht mehr loswird. Von all dem hat sich der Schweizer Schriftsteller und Filmemacher Matthias Zschokke nicht stören lassen. In den Monaten, die Zschokke in Venedig weilte, hat er alle diese Attraktionen bloss gestreift. «Man tritt vor die Tür und beginnt zu taumeln. Auf jedem Schritt begegnet einem überquellende, verwesende, begeisternde Pracht.» Das ist es, was ihn fasziniert. Nicht Kulturgeschichte und gelehrte Vorträge. Er geniesst das Dolcefarniente in einer Stadt, die ihn mit all ihren Verschrobenheiten täglich neu beglückt. Vom «kleinen Alltag» Matthias Zschokke erlebt Venedig als wahren Glückspfuhl. Er liebt es, herumzugehen, zu baden, morgens in der kleinen Bar seinen Kaffee im Stehen zu trinken, von den Köstlichkeiten der Patisserie «Rosa Salva» zu kosten. Was macht es schon, dass dieser «kleine Alltag» ihn vollkommen ausfüllt und erschöpft. Venedig wird ihm zum Gegenprogramm seiner Existenz als Autor. Zu Hause in Berlin müsste er schreiben, weil er nichts anderes zu tun hätte. In Venedig reicht es, einfach da zu sein. Die Stadt lässt ihn sogar die Anspannung vergessen, die der zeitgleich erscheinende neue Roman «Der Mann mit den zwei Augen» ihm bereitet. Erfolg und Scheitern Zschokke ahnt es, dass der erhoffte Erfolg abermals ausbleiben würde. Venedig lässt ihn dar­über hinwegkommen. In seiner Chronik ficht er diesen Kampf mit sich aus. Er erzählt von den hohen Erwartungen an das neue Buch, um schrittweise tiefer zu stapeln und sich seine geradezu notorische Unfähigkeit zu einem marktgängigen Buch einzugestehen. Mal verärgert, mal gelassen beobachtet er, was der eventgebeutelte Literaturbetrieb daraus macht. Mit berührender Klarheit wird dabei sichtbar, wie verletzlich und ohnmächtig der Autor in dieser Si­tua­tion ist. Seine Tonlage schwankt zwischen finsterem Ernst und lakonischer (Selbst-)Ironie. Zschokke beherrscht sie beide. Tage- oder Notizbücher sind Inszenierungen, spätestens wenn sie vom Autor die Druckerlaubnis erhalten. Dieser Appellcharakter kennzeichnet auch dieses Buch. Was dennoch auffällt, ist der Überschuss an Ungekünsteltem, der sich der Berechenbarkeit entzieht. Zschokke zeichnet von sich das Bild eines ewigen Pessimisten, der seine Enttäuschungen zu überwinden versucht. Er klagt über sein Abseitsstehen im Literaturbetrieb und über die Langeweile, die er verbreite. Damit aber verdeckt er nur notdürftig seine Gaben als gewitzter Erzähler. Mit lästerlichem Tratsch und scharfen Urteilen hält er sich schadlos. Glücklicher Sisyphos «Die strengen Frauen von Rosa Salva» ist das Buch eines subtilen Selbstbeobachters. Der ständig von neuem enttäuschte Autor ist eine ebenso liebenswerte wie tragische Pose, die übers Literarische hinaus weist. Sie gibt Zeugnis von einem tapferen Menschen, der sich gegen die permanenten Enttäuschungen rüstet, um trotzdem weiter zu tun. «Das ist anstrengend: jeden Tag von neuem so ein guter Mensch zu sein, wie man am Tag vorher einer war.» Umso mehr geniesst Matthias Zschokke seine Tage in Venedig: ein glücklicher Sisyphos.

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