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Eine Tragikomödie aus dem Berner Krachen

Michael Fehrs «Simeliberg» ist eine dialektal eingefärbte und bewusst klischierte Krimisatire aus einem Schweizer Hinterwäldler-Krachen.

Schwarzweiss ist hier Programm: In dem Flecken heissen die anständigen Leute «Wyss», «Witt» und «Blank» und der Bösewicht «Schwarz». Nur der Gemeindeverwalter heisst unentschieden «Griese» (Grau) – kein Wunder, er ist ja ein Deutscher. Und als solcher wird er – so viel sei vorweggenommen – am Schluss an allem schuld gewesen sein, die Zuwanderer sind in der Schweiz ja immer an allem schuld. Zurück auf Anfang: Der arme Griese wird von den Hinterwäldlern genötigt, den Landmann Schwarz den Behörden zuzuführen. Denn dem Schwarz spinnts nicht nur, der lebt auch – eine der grössten Schweizer Sünden – im Dreck. Und womöglich hat er seine Frau, die erstaunlich normal war, umgebracht. So transportiert denn Griese den verwahrlosten Bauern in die Stadt aufs Sozialamt. Vorher aber zeigt ihm Schwarz eine Geldkassette voller Tausender. «Wir müssen über die Bücher», warnt Griese telefonisch die Fürsorge vor, «es ist Geld um den Weg.» Die Schweizer Krankheit Der Ausdruck ist typisch für den «Simeliberg«-Sound: aus «Gäld umewäg» (Geld da) wird «Geld um den Weg», aus «strub» (hässlich) wird «straub», aus «abliire» (auswickeln) wird «ableiern». Vordergründig wirkt das urchig – genau besehen ist es eher infantil, nur Vorschulkinder würden Dialekt so ins Hochdeutsche übertragen. Ob sich Fehr hier lustig macht über die Hand, die ihn füttert – den Mundartboom? Es würde einen nicht wundern, denn dem Autor ist in diesem Buch nur wenig ernst und noch weniger heilig. Schon der Titel «Simeliberg» schreit «Satire!». Er stammt aus dem «Guggisberglied», der traurigen Volksweise, die einst den Schweizer Soldaten in ausländischen Diensten zu singen verboten wurde, weil sie angeblich Heimweh auslöste. Und Heimweh ist eine schwere Schweizer Krankheit. Nach dem Simeliberg aus Fehrs Büchlein würde sich freilich niemand sehnen: Hier ist nichts heimelig, sondern alles unheimlich. Woher etwa kommt das viele Geld? Was soll Schwarz’ Geschwafel über eine kommunistische Siedlung, die er auf dem «roten Planeten» gründen will? Wofür braucht er eine Kiste voller Maschinenpistolen? Und was tun die sieben uniformierten Männer zu nachtschlafender Stunde auf Schwarz’ verlassenem Hof? Er dichtet übers Ohr Durch eine unglückliche – oder glückliche? – Verkettung von Umständen werden schliesslich Schwarz’ Haus und eine Gruppe darin befindlicher Aufrührer ein Raub der Flammen. Immerhin wird Schwarz vom Mordverdacht befreit und nicht entmündigt. Nur Griese sitzt bis zum Hals im Schlamassel – selber schuld, er hat ja den Karren auch in den Dreck gefahren, finden die Dörfler. Neben der seltsamen Sprache dürfte den Leser das Schriftbild des Buchs irritieren: Mit Ausnahme von Anführungs- und Schlusszeichen fehlt jegliche Interpunktion. Wo beim Lesen Punkt und Komma eine natürliche Sprechpause signalisieren, beginnt einfach eine neue Zeile. Das sieht nicht nur aus wie ein Gedicht – mitunter tönt es auch so. Das liegt an Michael Fehrs Produktionsweise: Er ist stark sehbehindert und dichtet übers Ohr, er schreibt keine Buchstaben, sondern diktiert in ein Aufnahmegerät. So lädt der Text denn ein, ihn laut zu lesen, am besten in behäbigem Provinz-Singsang. Dann ist das Lesevergnügen grad noch mal so gross. Irene Widmer Michael Fehr: Simeliberg. Der gesunde Menschenversand, Luzern 2015, 144 Seiten, 27 Franken.

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