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Einer, der den «rüebige Schlof» predigte

Um das Andenken an den Kräuterpfarrer Johann Künzle (1857–1945) wachzu­halten, hat der Pfarrer-Künzle-Verein in Wangs einen abwechslungsreichen Themenweg durch eine reizvolle Gegend mit herrlicher Aussicht ins Heidiland geschaffen. Eine Begehung.

Gleich nach dem Verlassen des Linienbusses steht man vor der ersten Kräutertafel in einem Vorgärtchen. Es werden noch Dutzende folgen. Sie sind jeweils neben der betreffenden Pflanze platziert und sorgsam beschriftet mit Pflanzennamen und Heilanzeige. Doch schon nach wenigen Tafeln gibt der Schreibende auf. Seine botanischen Kenntnisse scheinen ihm erschreckend dürftig und er glaubt, die aufgelisteten Krankheiten bereits in seinem Körper zu spüren. Was bleibt, ist ein Staunen über die immense Vielfalt und Schönheit der Pflanzenwelt auf kleinstem Raum, die sich wegen der bevorzugten Föhnlage hier besonders intensiv zeigt. Kurz nach dem Einstieg ins dunkle Chlybach-Tobel befindet sich eine bemooste Quellgrotte mit dem Namen «Tüfels Chuchi». Hier soll der Leibhaftige versucht haben, den Josef aus Wangs dazu zu bringen, seinen Nachbarn zu verleugnen. Zunächst wurden ihm als Belohnung für die Missetat die ganzen Schätze seines Heimatdorfes, dann der ganzen Schweiz und zuletzt der ganzen Erde angeboten. Jedes Mal blieb Josef standhaft. Über derart viel Ehrgefühl erboste sich der Teufel solchermassen, dass er in seinem Zorn Feuer, Schwefel und Dampf versprühte und durch diese «Waschküche» ins Erdinnere verschwand. Erstaunliche Bauwerke Nach stetigem Aufstieg stehen wir vor der Marien-Grotte. Lieber hätte Pfarrer Künzle an diesem stimmungsvollen Ort eine Kapelle errichtet, doch dazu fehlte das Geld. Kurzerhand soll er die gesamte Oberstufe zum Steinetragen aufgeboten haben, was für die Autorität und das Ansehen des Priesters zeugt. Ein paar Schritte weiter erhebt sich ein Glockenturm ganz aus Birkenstämmchen errichtet, ein erstaunliches Bauwerk. Vom Chlybach-Tobel wechseln wir nun ins imposantere des Grossbachs. Ein elegant angelegter Pfad führt den Steilwänden entlang zum Wasserfall. Kaskaden gehören wie Grotten und Höhlen zu den Orten der Kraft. Eine Holzbrücke führt über den Bach, dann steigt der Weg kurz an zur Tobelwiese. Nahe dem Waldrand liegt unter einer Linde ein Stein. Er ist exakt nach Süden ausgerichtet und dürfte aus der Zeit der Kelten stammen. War er Wegmarke, Kalender, Kultstein? Wir wissen es nicht. Belegt ist archäologisch hingegen, dass dieser verkehrsgünstig gelegene und klimatisch gesegnete Landstrich schon vor viertausend Jahren besiedelt war. Baden in Kräuterabsud Etwas hangabwärts kommen wir am ehemaligen Kurhaus vorbei. «Im besten Kurhaus der Schweiz» sollen zahlreiche Leiden behandelt worden sein: Rheumatismus, Gicht, Nervosität, Erschlaffung (!), Herzleiden, hoher Blutdruck, ja sogar Minderwertigkeitsgefühle. Die Anwendungen erfolgten in Wannen-Kräuterbädern, mit Massagen, Teetrink-Kuren und unter steter Beobachtung von Doktor Künzle, einem Neffen des Kräuterpfarrers. Aus der Hauswerbung: «Die Kräuter zu unseren Bädern und Kuren sind ausgesuchte, hochalpine Pflanzen. Es werden keine Extrakte verwendet, sondern nur reiner Kräuter­absud, ... Sie baden in einem richtigen Kräutertee mit einem angenehmen, kräftigen Aroma; das Baden wir Ihnen dabei zum Vergnügen.» Nachdem der Badebetrieb eingestellt werden musste, zog eine Schule in die Räumlichkeiten ein. Diese ging wegen Schülermangels ebenfalls ein. Auch die Vision eines Hotels zerschlug sich. Seit ein paar Jahren ist das In­sti­tut Sancta Maria eingezogen. Leider wurde das Schaubadezimmer im Zuge der Renovierung abgebrochen. Der Themenweg führt jetzt nach Südosten. Bis zur Waldpartie geniesst man einen ständigen Ausblick auf die Rheinebene, auf die Falknis-Gruppe und auf den Rücken des Luzisteigs, der sich wie ein Schemel vor die aufragenden Bergwände stellt. Tal­abwärts schweift der Blick zum Gonzen und ins Liechtensteinische. Das heitere Gemüt Durch die geheimnisvolle Waldpassage des Rappagugg windet sich der Weg hinunter nach Vilters, zu einem Dorf, das einige kulturelle Schätze aufweist, so die achteckigen Brunnen, die barocke, hoch gelegene Pfarrkirche, die vierhundertjährige, unterhalb der Kirche gelegene Muttergotteskapelle mit einer Pietà von 1330 oder die alte Mühle. Wer so langsam gesunden Appetit hat, steuert auf den historischen Gasthof Ilge zu, der mit saisonaler Küche die Gäste verwöhnt. Bei der Post vertrauen wir uns dem Linienbus nach Wangs und Sargans an. Für den Pflanzenfreund ist der Weg ein Muss, aber auch wer eine eher wenig bekannte Ecke unseres Landes einmal erkunden und erspüren will, findet auf den Spuren des engagierten Pfarrers entspannende Momente. «Luegend, dass ehr e normali Bluetzirkulation und Verdauig und en rüebige Schlof hand, dass ehr andere Lüt viel Freud mached, e heiters Gmüet hand, das me eu dehei gern hät und oswärts achtet, sowäg verlängered ehr euri Läbeszit.»

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